• 24h in Ferrara
    Stadt der Fahrräder in der Emilia-Romagna

Es ist eine schöne Tradition geworden: Bei unseren Reisen in die Toskana machen wir einen Stopover
in einer Stadt, die wir noch nicht kennen. Dieses Mal unsere Auserwählte: Ferrara.
Knapp 24h haben wir Zeit, die Stadt zu erkunden und schnell sind wir überzeugt:
Diese Stadt ist definitiv mehr als ein Pausenfüller...

Südlich von Padua, nördlich von Bologna: Ferrara liegt in der östlichen Po-Ebene, in der Region Emilia-Romagna. Sie ist Wirtschafts- und Kulturzentrum und große Universitätsstadt – die Universität Ferrara, 1391 gegründet, ist eine der ältesten Europas. So weit die Hard Facts. Was uns bereits nach unseren ersten Minuten im Stadtzentrum auffällt: Hier ist der beste Freund des Menschen das Rad. Pro Kopf besitzen die Ferraresi angeblich mehr als zwei Fahrräder und auch dem Bürgermeister als auch den Stadträten stehen amtliche Fahrräder zu. Und so konnte Ferrara in Sachen Fahrradnutzung längst mit Amsterdam gleichziehen, die meisten Wege werden hier mit dem Rad zurückgelegt. Kein Wunder, denn hier lädt alles zum Radfahren ein: Eine verkehrsberuhigte Altstadt mit breiten Fußgängerzonen und sogar am fast zehn Kilometer langen Stadtwall kann dahingestrampelt werden. Gerast wird hier übrigens nicht, sondern eher gemütlich dahingeradelt, ein netter Nebeneffekt für die Fußgänger. Nicht umsonst wird Ferrara also die „Città italiana delle biciclette“ genannt, gilt als Fahrradfreundlichste Stadt Italiens. Sehr sympathisch finden wir das und überlegen kurz uns auch ein Rad zu leihen, genug Fahrradverleih-Shops sieht man ja. Aber dann ziehen wir doch zu Fuß weiter...

Was uns ebenfalls schnell ins Auge sticht: Der gesamte mittelalterliche Stadtwall ist unversehrt und fast zur Gänze intakt erhalten geblieben. Im 14. Jahrhundert regierte hier die Familie Este, aus dieser Zeit stammt auch die Struktur der Stadt, deren historischer Stadtkern übrigens von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wurde. Interessant auch folgendes: Die Erweiterung des Stadtkerns gilt unter Experten als die erste moderne Stadtplanung der Welt.

Sie kann man beim besten Willen nicht übersehen: Die viertürmige Wasserburg Castello Estense. Mächtig und trutzig liegt sie mitten in der Altstadt, umgeben von einem breiten Wassergraben. Leider ist das Innere der Burg mittlerweile fast leer, vom Prunk früherer Zeiten kann man nur mehr wenig erkennen. Einige Fresken sind noch erhalten, z.B. im Salone dei giochi. Ein paar Stunden später stellen wir fest, dass Paolo Conte an diesem Abend ein Konzert im Castello gibt, kurz geht der Puls in die Höhe, aber dann die Enttäuschung: Ausverkauft. Wie schade.

Unweit des Castello stehen wir vor der romanisch-gotischen Cattedrale di San Giorgio, deren Campanile aus dem Jahr 1135 unvollendet blieb. Romanische und gotische Elemente lassen sich da erkennen, errichtet wurde die Kathedrale - mit Unterbrechungen - vom 12. bis hinein ins 14. Jahrhundert. Der Innenraum erschlägt einen dann fast mit überbordendem Klassizismus, mit üppiger Bemalung in Gold und beeindruckenden Kristallleuchtern. Sehenswert ist auch das große Fresko in der Apsis: "Das Jüngste Gericht" von Filippo Lippi. Zurück im hellen Tageslicht schlendern wir über die Piazza Trento e Trieste, entlang der Loggia dei Merciai an der Längsseite der Kathedrale. Hier wurde schon im Mittelalter gehandelt und auch heute noch beheimatet die Loggia kleine Läden. Kurz darauf stehen wir vor dem Palazzo Comunale, dem ehemaligen Residenzschloß der Familie Este.

Diamantene Adelspaläste
Diese Stadt zeigt was sie ist, daran lassen die zahlreichen Renaissance-Adelspaläste keinen Zweifel, auch wenn viele davon außen eher schmucklos und unscheinbar gehalten sind. Die meisten befinden sich im nördlichen Teil der Altstadt, am Corso Porto Ercole d`Este und am Corso della Giovecca, als auch an den Ausläufern des mittelalterlichen Stadtviertels. Gar nicht bescheiden zeigt sich der Palazzo dei Diamanti (am Corso Ercolde d`Este), dessen Fassade mit Tausenden von weißen und rosafarbenen Marmor-Pyramiden in der Form von Diamanten bestückt ist – beeindruckend. Im Inneren befinden sich die Pinacoteca Nazionale, im Erdgeschoss finden wechselnde Ausstellungen moderner Kunst statt. Die Sprache verschlägt uns auch kurz der Palazzo Schifanoia (Via Scandiana 23), vor allem die mehr als beeindruckenden Fresken in der Sale dei Mesi (Monatssaal) lassen uns verstummen. Zu sehen sind Szenen aus dem Leben des Borso d`Este, aus dem höfischen Leben des 15. Jahrhunderts als auch - wie der Name des Saales schon sagt - Monatsallegorien.

Und dann landen wir auch schon im mittelalterlichen Viertel der Stadt, südöstlich des Doms. Verwinkelt ist hier alles, ganz im Gegensatz zum anderen Teil der Altstadt, mit seinen teilweise schnurgrade verlaufenden Corsi. Wir laufen durch die lebendige Via San Romano, um kurz darauf in der besonders pittoresken Via delle Volte zu landen, einst die Straße der Kaufleute. Nur ein paar Gehminuten weiter stehen wir in der Via Mazzini, um die herum sich jahrhundertelang das jüdische Viertel befand. Hier war einst eine der größten jüdischen Gemeinden Italiens beheimatet, bis diese im Zuge des Holocausts fast völlig vernichtet wurde. An der Fassade des Mueso Ebraico erinnert eine Gedenktafel an die im Konzentrationslager Auschwitz ermordeten jüdischen Bürger der Stadt.      
 

Abends schieben wir erschöpft unsere Füße unter den Tisch in einer gemütlichen Osteria. Vielleicht wäre ein Rad doch nicht so schlecht gewesen... Am nächsten Morgen werden wir noch einmal gemütlich durch die Stadt spazieren, bevor unsere Reise weitergeht, Richtung Toskana. Die Vorfreude steigt, aber der Abschied von Ferrara fällt gar nicht so leicht. Da müssen wir wohl wiederkommen...

destination

FERRARA

liegt mitten in der Po-Ebene in der Emilia-Romagna. Einst hatte die mächtige Adelsfamilie der Este die Stadt zu einem der wichtigsten Renaissance-Zentren Italiens gemacht, nach dem Niedergang der Familie Este Ende des 16. Jahrhunderts folgte jedoch auch der Niedergang der Stadt. Heute ist die 130.000 Einwohner-Stadt eine ruhige Stadt, die kulturhistorisch einiges zu bieten hat und noch nicht von Touristen überschwemmt ist. Oft wird sie in einem Atemzug mit Amsterdam genannt: zu Recht, ist hier die Begeisterung für Fahrräder doch fast genauso groß wie in der Hauptstadt der Niederlande. Entsprechend angenehm fallen auch Stadtbesichtigungen aus: Die Altstadt ist für den Autoverkehr gesperrt und Fußgängern und Radfahrern vorbehalten.

gut schlafen

Jeder haut mal daneben mit der gewählten Unterkunft und so können wir das Hotel, in dem wir übernachtet haben, auch nicht empfehlen.

Beim nächsten Besuch wäre vielleicht das Hotel MAXXIM in der Altstadt einen Versuch wert: Via Ripagrande 21, 44100 Ferrara.
Smile! - lautet das Motto auf der Website des Hotel Annunziata im Zentrum von Ferrara und klingt damit ziemlich symphatisch...
Ein Bett, fast im Castello Estense im Altstadt-Zentrum gelegen, gibt es im B&B Letto a castello.

gut essen & trinken

Dünnes, gefülltes Fladenbrot - die Piadina - ist der klassische Snack für zwischendurch und zwar in der ganzen Emilia Romagna. Und diesen gibt es auch in Ferrara an jedem Straßeneck zu finden, in fast jeder Cafè-Bar. Für den größeren Hunger empfiehlt sich dann aber doch ein Besuch in einer Osteria oder Trattoria. Unser Tipp:
L`Oca Giuliva
Nur wenige Meter vom Castello d`Este entfernt liegt das kleine Restaurant. Wer Spezialitäten aus der Region probieren möchte, sollte am besten Pasticcio alla ferrarese (zubereitet aus kleinen Maccheroni mit weißem Ragù, Pilzen, Tartufo und Bechamel-Sauce, anschliessend in einem Teig - Blätterteig oder Hefeteig - im Ofen gebacken),  Cappellacci di zucca (mit Kürbis gefüllte Cappellacci) oder Salama da sugo mit Kartoffelpüree wählen.
Via Boccacanale di Santo Stefano, 38
Tel.: 0532/20 76 28 (da das Restaurant nicht allzu groß ist, ist eine Reservierung keine schlechte Idee)

Trattoria da Noemi
In einer kleinen Seitengasse gibt es hier Cucina Tipica Ferrarese. Und die hat uns gefalllen, sehr sogar: Gebratene Salami mit Kartoffelpüree ist für mich zwar eher ein Winteressen, hat aber auch im Juli hervorragend geschmeckt.
Via Ragno, 31/A
Tel.: 0532/769070