• Entlang der Costa di Bari (III): Barletta
    Apulien I Italien

Juni 2025

Und dann war unsere Nr. 3 der Perlen der Costa di Bari, der Ostküste Apuliens,
dran. Zugegeben, „Perlen" klingt ein wenig kitschig, aber sie reihen sich ja wirklich wie Perlen aneinander, die kulturhistorisch beeindruckenden Städte dieser Küste: Nach Bari und Trani nun also noch Barletta – und diese
Stadt schließe ich dann auch ganz besonders ins Herz…

Warum, das weiß ich gar nicht so wirklich. Denn es fängt eigentlich gar nicht so gut an, mit Barletta und uns. Die Garage, die wir angepeilt haben, will sich einfach nicht finden lassen, und das Mietauto an diesem Juni-Samstag im Stadtzentrum los zu werden, das gestaltet sich in Barletta gar nicht so einfach. Aber dann, mit ein wenig Glück finden wir doch noch eine Parklücke, in die wir uns quetschen können, vor einer Parfümerie, schnell noch ein Foto gemacht von Geschäft und Straßenschild, damit wir uns auch wiederfinden. Und dann geht´s auch schon hinein in die Altstadt, durch hübsche Gassen, durch die das Vormittagslicht förmlich durchflutet. Alte Stadt, lebendiges Flair – es tut sich etwas in der 92.000-Einwohner:innen-Stadt: Hübsche kleine Geschäfte, viele Cafès und Restaurants und viele Menschen in den Straßen, und irgendwie wirkt das alles hier sehr relaxed.

Erste Anlaufstelle: die Cattedrale Santa Maria Maggiore, mit ihrem schönen, 43 Meter hohen Campanile. Sie leuchtet uns mit ihrem hellen pietra tranese (Trani-Stein) förmlich entgegen. Stilmäßig entdeckt man an der Fassade von fast allem etwas: Ursprünglich im romanischen Stil errichtet, sieht man dort auch gotische Elemente. Die Renaissance ist ebenfalls vertreten, u. a. mit dem schönen Hauptportal, durch das es dann auch gleich hineingeht – umrundet wird die Kirche später. 

Im Kircheninneren dann wieder ein Stilmix: Romanik, Gotik, sogar Barock. Vielleicht entlockt mir die Kathedrale nicht das ganz große Staunen, auch, weil sie gewisse Ähnlichkeiten mit den zuvor besichtigten Kirchen in Bari (San Sabino) und Trani (Kathedrale San Nicola Pellegrino) aufweist, und weil auch sie sich eher in Zurückhaltung übt und nicht protzt, wie andere Sakralbauten das oft tun. Aber sie hat mich dann schnell mit ihrer beruhigenden Atmosphäre und ihrer eleganten Architektur. Schön auch, wie das Licht sanft gefiltert durch die Fenster der Apsis ins Innere fällt. Nicht zu übersehen: Das Ziborium über dem Hauptaltar, von vier Säulen getragen – und, so sagt der Kunstreiseführer, vermutlich der Kanzel in San Nicola in Bari nachempfunden.

Fast nur einen Steinwurf entfernt befindet sich das schön restaurierte Kastell: Das Castello Svevo, in dem sich auch das Museo Civico befindet, liegt inmitten des Parks der Villa Communale. Einmal mehr, wie so oft in Apulien, hatte hier Staufer-Kaiser Friedrich II. seine Hände im Spiel: Er ließ das Kastell auf einer normannischen Anlage aus dem 11. Jahrhundert erbauen – und zog hier 1228 seine Soldaten zusammen, bevor er zu einem Kreuzzug aufbrach. Für Friedrichs Sohn Manfred, den er im Castello Svevo zum Thronfolger bestimmt hatte, wurde Barletta schließlich Residenzstadt. So wie sich die Festung heute präsentiert, nach einer umfassenden Restaurierung in den 1980er Jahren, nämlich sehr imposant, könnte man glauben, dass sie einst so gut wie uneinnehmbar war. War sie aber offensichtlich nicht, denn unter den Anjou wurde das Adelsgeschlecht der Staufer besiegt und ausgelöscht. Karl I. von Anjou ließ den Festungsbau dann erweitern, ausbauen und verstärken.

Über eine ehemalige Zugbrücke (heute allerdings aus Stein) und durch mehrere Tore hindurch geht es in den Innenhof des Kastells; hier finden regelmäßig Konzerte sowie Theateraufführungen statt. „Gehen wir hinein?“. Auf die Frage meines Mannes antworte ich nur mit einem Kopfschütteln. „Nein, ich bin müde von der Hitze, aber geh du nur…“. Und so suche ich mir einen schattigen Platz in einem Cafè in der Nähe, während mein Mann das Castello Svevo besichtigt. Und danach begeistert zurückkehrt: „Du hast etwas versäumt! Allein der Blick vom Dach des Kastells auf das Meer. Und das Museo Civico, sehr interessant…“. 

Meine Lebensgeister sind jedenfalls inzwischen wieder erwacht und so kann nun es weitergehen, tiefer hinein in die Altstadt von Barletta. Vorbei an schönen Hausfassaden, imposanten Toren, hübschen Brunnen und Treppenaufgängen, einigen Kirchen, über Kopfsteinpflaster – und mit drückender Juni-Hitze auf den Schultern. 

Dementsprechend bin ich dann erleichtert ihn zu sehen, denn er war unser Ziel: Der Colosso di Barletta (Koloss von Barletta), das inoffizielle Wahrzeichen der Stadt, am Corso Vittorio Emanuele hoch aufragend. Ziemlich klein fühlt man sich, wenn man ihm so gegenübersteht, mit seinen fünf und ein bisschen mehr Metern und dem Kreuz, das er fast ein wenig einschüchternd in der Hand hält. Wie ein Krieger nimmt er sich aus, aber vermutet wird, dass er den oströmischen Kaiser Valentinian I. darstellt. Zumindest ist das eine von mehreren Vermutungen und restlos geklärt scheint in dieser Sache nichts. Und eigentlich ist die Statue Diebsgut (wobei es auch zur Herkunft der Statue unterschiedlichste wissenschaftliche Annäherungen gibt): Die Venezianer eroberten 1204 Konstantinopel und nahmen da so einiges mit. Darunter möglicherweise auch diese Bronzestatue. Aber, Karma-Sachen eben, für eines der Schiffe ging es nicht zurück nach Venedig, es kenterte bei Barletta – und mit ihr an Bord die Statue. Beinahe hätte das ganze Abenteuer dem Koloss auch nicht gutgetan, denn rund ein Jahrhundert später nahm man der Statue die Gliedmaßen ab – man wollte daraus eine Bronzeglocke herstellen. Dazu kam es dann aber doch nicht, und wiederum viel später, im 15. Jahrhundert, war der Koloss wieder in seinem ursprünglichen Zustand. Und da steht er nun seitdem, vor der Basilica del Santo Sepolcro, mächtig, gut gewandet, ein bisschen bedrohlich, aber jedenfalls sehr beeindruckend. Ich habe jedenfalls ähnliches bisher noch nie gesehen und bin dementsprechend fasziniert von diesem Meisterwerk byzantinischer Bronzegießkunst. Die Bewohner:innen der Stadt haben übrigens ihre ganz eigene Meinung dazu, wen diese Statue zeigt: Sie nennen ihn Agré, weil sie ihn für den byzantinischen Kaiser Heraklios aus dem 6. Jahrhundert halten. Irgendwie habe ich das Gefühl nur die Statue selbst weiß, wer sie ist und wie sie ausgerechnet ins apulische Barletta gekommen ist…

Hinter dem Koloss befindet sich übrigens auch noch etwas sehr Sehenswertes: Die Basilica del Santo Sepolcro, die eine der ältesten Kirchen der Stadt sein soll. Das erste Gotteshaus, das sich an dieser Stelle befunden hat, soll ab 1138 den „Kanonikern vom Heiligen Grab“ gehört haben. Mir gefällt die sorgsam renovierte Kirche, mit dem eleganten Kreuzrippengewölbe im Mittelschiff, der außergewöhnlichen trichterförmigen Kanzel, den schönen Fresken-Resten und Grabsteinen und dem Taufbecken aus dem 13. Jahrhundert in der Vorhalle.

Einmal mehr platzen wir hier mitten in eine süditalienische Hochzeit: Und deren Gäste präsentieren sich noch farbenfroher, in Sachen Style noch ausgefallener als bei der Hochzeit in San Nicola in Bari, die wir am Vortag miterlebt haben. Und auch das Hochzeitsauto mag ich: Wohin der mitgrüne, vor der Kirche geparkte VW Bulli das frischgebackene Ehepaar wohl entführen wird?

Es gäbe noch einiges mehr in Barletta zu sehen: So z. B. die Pinacoteca Giuseppe de Nittis, im barocken Palazzo della Marra. Zu sehen gibt es hier, neben dem schönen Palazzo selbst, eine große Sammlung an Werken des Impressionisten de Nittis, der aus Barletta stammte. Aber für uns ist es schon wieder Zeit Barletta zu verlassen, denn das nächste Ziel wartet bereits auf uns. In der Parfümerie, vor der unser Auto geparkt ist, kaufe ich noch schnell ein Mitbringsel für meine Nichte. Mission accomplished. Castel del Monte, wir kommen…

****

Als nächstes geht es ins Hinterland von Bari, ins Terra di Bari, zum legendenumwobenen Castel del Monte des Stauferkaisers Friedrich II.

Wer noch mehr über an der Costa di Bari gelegene Hafenstädte erfahren will, findet hier Beiträge zu Bari und Trani.

Weiter südlich wartet der Salento: Wir haben auf unserer Apulienreise die Hafenstadt Otranto mit ihrem großartigen Dom und ihrer lebendigen Altstadt, das hübsche Galatina im Herzen des Salento und das Hafenstädtchen Gallipoli am Golf von Tarent besucht.

Auch das durch und durch barocke Lecce sollte man bei einer Reise durch den Salento unbedingt auf dem Zettel haben. 

Schöner wohnen im Urlaub? Unbedingt in einer der zwei Ferienwohnungen im aufwändig und liebevoll restaurierten Palazzo Marconi in Corigliano d`Otranto, im Herzen des Salento.

Diese Reise erfolgte zur Gänze auf eigene Kosten. Alle Empfehlungen kommen von Herzen...