Es gibt Orte, die wirken wie ein leiser Gegenentwurf zur Welt da draußen, gerade zur gegenwärtigen Welt.
Der Giardino Viatori oberhalb von Gorizia ist genau so ein Ort. Wer hierherkommt, der sucht nicht das große Spektakel, sondern Ruhe, Staunen, Innehalten. Und findet es zwischen unzähligen Azaleen, Magnolien, Kamelien, Rosen, etc. und einem Hauch britischer Gartenromantik. Und das mitten im Friaul…
Die Grenzstadt Gorizia (auch als Görz bekannt) trug in Zeiten der Monarchie den Beinamen „österreichisches Nizza“. Und das nicht nur aufgrund der vielen farbigen, pastelligen Fassaden, ähnlich wie im südfranzösischen Nizza, sondern diesen Beinamen verdankte die Stadt auch dem vergleichsweise milden, fast submediterranen Klima: Warme Luftströme aus dem Mittelmeerraum treffen hier auf kühlere Einflüsse aus dem Norden. Dieses Klima galt schon im 19. Jahrhundert als gesundheitsfördernd und so wurde Görz bereits in der Zeit der Habsburgermonarchie zu einem beliebten Winter- und Kurort für wohlhabende Bürger:innen aus Wien, Triest oder Prag. Parks und Gärten waren also nicht nur zur Zierde gedacht, sondern auch Teil eines Lebensstils, der zur Heilung beitragen sollte: Frische Luft, Spaziergänge, gepflegte Natur. Breite Alleen, öffentliche Parks und gepflegte Grünanlagen gehörten somit zum Stadtbild in Gorizia. Davon zeugen auch heute noch die Giardini Pubblici di Gorizia, ein klassischer Stadtpark mit Denkmälern, schattigen Wegen und exotischen Pflanzen.
Mit dem Aufstieg zum Kurort kamen auch Adelige und wohlhabende Familien, die Villen mit großzügigen Gärten errichteten. Und diese orientierten sich oft an englischen Landschaftsgärten: locker gestaltet, naturnah, aber dennoch auch repräsentativ. Diese Gärten waren durchaus auch Statussymbole: Denn wer etwas auf sich hielt, der stellte seinen guten Geschmack und Wohlstand nicht nur im Haus, sondern auch im Garten zur Schau. Ein gutes Beispiel dafür ist der Parco Coronini Cronberg im Zentrum von Gorizia: Ein weitläufiger Landschaftspark mit ca. 5 Hektar Fläche, rund um eine Adelsresidenz angelegt, mit alten Baumriesen und verschlungenen Wegen. Ursprünglich als italienischer Garten angelegt, wurde er im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einen Landschaftsgarten umgewandelt. Hier findet man heute immer noch Panoramaterrassen, Brunnen, Laubengänge, Treppen und Wasserflächen und zahlreiche Pflanzenarten aus dem Mittelmeerraum, Mitteleuropa, aber auch aus Asien und Amerika.
Der Giardino Viatori, ein botanisches Gesamtkunstwerk, das mit viel Leidenschaft geschaffen wurde
In diesem Zusammenhang wirkt der Giardino Viatori fast wie die logische Konsequenz: ein botanisches Gesamtkunstwerk, das die Gartenleidenschaft der Region widerspiegelt. Nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernt öffnet sich hier ein grünes Refugium, das sich bewusst vom städtischen Rhythmus absetzt. Schon der Weg dorthin – leicht ansteigend, mit Blick auf die Hügel des Collio und die Voralpen – stimmt auf das ein, was folgt: Ein kleines Paradies, gefühlt weit weg von der Welt…
Es ist Ostermontag und der Giardino Viatori hat erst vor ein paar Tagen nach der Winterpause wieder seine Pforten geöffnet. 9 Uhr morgens und wird sind extra früh aufgestanden, um hier rechtzeitig aus dem rund 50 Autominuten entfernten Udine anzukommen. Und dann sind wir fast ein wenig überrascht, dass wir nicht die einzigen early birds sind. Rund um uns stehen rund 20 weitere Pflanzenfreund:innen, bereit den Giardino zu erkunden – und das ist hier nur im Rahmen einer Führung möglich (die auf Italienisch stattfand). Was mir als erstes auffällt: Was für einen schönen Ausblick auf Görz, die Burg, den Isonzo, den Karst und die Voralpen man hier hat, auch wenn uns jetzt noch ein wenig der Morgendunst trennt. Luciano „Lucio“ Viatori hat sich den perfekten Ort ausgesucht. Seine Vision: auf dem Grundstück von 25.000 Quadratmetern einen Landschaftsgarten nach englischem Vorbild zu schaffen – inspiriert vom 19. Jahrhundert, aber verwurzelt im friaulischen Boden.
Ein Autodidakt mit Gespür und viel Liebe für Pflanzen
Experte war Luciano Viatori eigentlich gar keiner, zumindest nicht für Pflanzen, vielmehr für Buchhaltung. Was ihn aber nicht daran hinderte an diesem Ort seine Vorstellungen eines vielseitigen Landschaftsgartens mehr als erfolgreich umzusetzen; seine Leidenschaft für Botanik und Gartenarbeit hatte er übrigens von seiner Mutter geerbt. In den 1970er Jahren ging es dann los, Viatori – von seinen Freund:innen auch „il signore dei fiori“ (der Herr der Blumen) genannt – begann seinen Traum umzusetzen. Auf drei Terrassenebenen eines Hügels legte der offensichtlich sehr begabte Autodidakt einen unfassbar vielseitigen Garten mit bedeutenden Sammlungen an und ließ sich dabei, so wurde es bei der Führung erzählt, ganz von den Pflanzen leiten. Was er während seiner Reisen in England gesehen und in Publikationen zu Gartenkunst gelesen hatte, setzte er hier nun um. Der Garten, so erfahren wir bei der Führung, war für Viatori ein lebendiges Wesen, in dem die Pflanzen und nicht die Architektur die Hauptrolle spielen. Und ja, das kann man auch heute noch sehen.
Wir starten unseren geführten Rundgang auf der obersten Ebene, wo auch das Haus steht, das Viatori damals errichtete, und in dem sich heute ein kleines Informationszentrum befindet, indem auch auf dem digitalen Weg viel über den Garten, aber auch das gesamte umliegende Gebiet und Naturschutzthemen erfahren kann. Was mir rund um das Haus gleich auffällt: Die Tulpen sind zum Großteil bereits am Verblühen, zu Hause in Wien sind sie zu diesem Zeitpunkt, Anfang April, noch nicht einmal ansatzweise erblüht. Wir hören, dass im Laufe der Jahre rund 500 Azaleenarten angepflanzt wurden, und das, obwohl der hiesige Boden dafür nicht geeignet ist. Nachgeholfen wurde daher in den Azaleenbeeten mit Sägespänen, die man sich in Sägewerken in der Umgebung besorgt hat, und mit Kompostmaterial – die Azaleen scheint es jedenfalls überzeugt zu haben. Denn sie wuchern geradezu und leuchten in den unglaublichsten Farben. Viatori experimentierte mit Böden, Mikroklima und Gestaltung und erschuf so seine eigene botanische Welt. In welcher z. B. auch der Albero di San Bartolomeo Platz gefunden: Noch steht die chinesische Kräuselmyrthe mit nackt anmutenden, glatten, zimtfarbenen Stämmen da. Ihre Rinde löst sich über den Herbst von selbst ab, spätestens im Juli wird sie in Pink, Rot, Weiß oder Violett blühen. Was mich ebenfalls begeistert: Der Nuttalls Blüten-Hartriegel, mit wunderschönen weißen Blüten, die schon fast wächsern-artifiziell aussehen – ein Baum, den ich hier zum ersten Mal in meinem Leben sehe. Was für eine unglaublich schöne Pflanze!
Und dann geht es schon hinunter zur nächsten, tiefer gelegenen Ebene: Vorbei an großartig blühenden Magnolienbäumen und Rhododendren – von denen es auf dem Gelände hunderte gibt –, an zarten Kamelien in unglaublichen Farben, entlang eines gewundenen Wegs, umwuchert von Pflanzen, die ich teilweise gar nicht kenne. Die Lichtstimmung, der Duft, die Stille, nur von Vogelzwitschern unterbrochen wird. Ich lasse mich etwas zurückfallen, zücke die Kamera. Eigentlich sollte man die Kamera wegstecken und das ganze einfach so auf sich wirken lassen. Sollte…
Wie ein Spaziergang durch ein Gemälde von Claude Monet
Dann stehen wir vor einem Teich und vor üppigst blühenden Kirschbäumen, darunter auch wunderschöne, tiefrosa blühende japanische Kirschbäume. Kamelien, Flieder, seltene Rosen, Tulpen, Pfingstrosen, Spireen. Und so viel mehr. Mein Herz hüpft. Und dann bleibt mein Auge an einer bestimmten Szenerie hängen: Zartblühende Kirschbäume in weiß und rosa, Azaleen in kräftigen Farben, dazwischen das zarte Frühlingsgrün. Ich habe das Gefühl auf eine Malerei des Impressionisten Claude Monet zu blicken. Oder nein, vielmehr fühlt es sich an wie der Spaziergang durch ein lebendiges Gemälde. Dieser Garten verzaubert. Es ist kein Ort, den man „abarbeitet“ – eher einer, in dem man sich treiben lässt.
Besonders schön ist der Garten jetzt im Frühjahr, Anfang April. Die Pflanzen- und Blumensammlungen bestechen mit einem Farbspektrum zwischen zarten Pastelltönen und überbordend intensiven Pink- und Violettnuancen. Bienen summen, erste Schmetterlinge eilen von Blüte zu Blüte, und ja, mag es klischeehaft klingen, aber irgendwie scheint Zeit hier plötzlich keine Rolle zu spielen. Und ich, ich hätte hier noch gerne mehr Zeit...
Nach Viatoris Tod im Jahr 2014 ging der Garten in eine Stiftung über. Ihr Ziel: dieses botanische Erbe zu bewahren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Damit ist der Giardino Viatori heute mehr als nur ein Ausflugsziel – er ist auch ein Stück gelebte Kulturgeschichte.
Zur untersten Ebene des Gartens können wir leider nicht hinunter steigen, sie ist aufgrund von Arbeiten gesperrt, und so bleibt uns nur ein Blick darauf. Wieder auf der obersten Ebene angelangt, lasse ich meine Augen noch einmal über das Areal wandern: Der Garten ist nicht perfekt im klassischen Sinne. Er wirkt stellenweise wild, fast eigensinnig. Aber für mich macht gerade das seinen Reiz aus. Hier wurde nicht für Instagram gepflanzt, sondern aus echter Leidenschaft. Der Giardino Viatori ist kein Ort für Eile. Wer ihn besucht, sollte Zeit mitbringen – und die Bereitschaft, sich auf die kleinen Details einzulassen und die Entschleunigung zu spüren. Der sollte die Augen weit öffnen für die stille Dramaturgie eines Gartens, der über Jahrzehnte gewachsen ist. In einer Region, die reich an Geschichte und Kultur ist, wirkt dieser Garten wie ein poetischer Ruhepunkt. Vielleicht ist er gerade deshalb so besonders: Weil er nichts beweisen muss. Nur blühen.
Auch noch gut zu wissen:
Der Giardino Viatori ist kein ganzjährig geöffneter Garten, sondern rund um die Blütezeit zu besichtigen; Ca. von Ende März bis Mitte/Ende September, im August bleibt der Garten geschlossen. Ein Besuch ist nur im Rahmen von Führungen (ca. 1,5h) möglich, diese sollte man aufgrund großer Nachfrage am besten vorab online buchen: Man erhält – durchaus mit ein paar Stunden Zeitverzug – eine Bestätigung per E-Mail, bezahlt wird dann aber vor Ort (Erwachsene: 12 Euro – Stand April 2026). Der Garten liegt an einer schmalen Zufahrtsstraße, parken direkt beim Giardino Viatori ist nicht möglich. Am besten parkt man das Auto am rund 7 Gehminuten entfernten Parkplatz am Beginn der Straße (Parcheggio Parco Piuma Superiore). Hunde sind willkommen, müssen aber verständlicherweise an der Leine geführt werden. Geöffnet ist der Garten übrigens auch am Tag der Giardini aperti (Tag der offenen Gärten).
Giardino Viatori
www.giardinoviatori.it
Via Forte del Bosco, 28 I 34179 Gorizia