• Ravenna: Wo Mosaike Geschichten erzählen (I)
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Der Himmel ist grau, als wir am Bahnhof aus dem Zug steigen, der uns in nur knapp einer Stunde
 von Bologna fast ins Zentrum von Ravenna gebracht hat. Das hindert uns aber nicht daran ausgesprochen gute Laune zu haben, den wir haben an diesem Novembertag viel vor und wir sind uns jetzt schon sicher: Wir werden heute ausgesprochen viel außergewöhnlich Schönes und Beeindruckendes zu sehen bekommen, denn dafür ist Ravenna, die Stadt der Mosaiken, schließlich bekannt. Rund 8 Stunden haben wir dafür Zeit, das wird sportlich…

Zunächst aber gehen wir es relaxed an, denn ein Frühstück ist sich in Bologna nicht mehr ausgegangen, wir wollten einen frühen Zug erwischen, um diesen Sonntag in Ravenna möglichst gut auszunutzen. Also peilen wir als erstes gleich mal das Caffè Pasticceria Palumbo unter den Arkaden an der Piazza S. Francesco (Nr. 3) an. Und dieses ist genau nach meinem Geschmack: eine großartige Auswahl an süßen Spezialitäten, guter Kaffee und soweit mein Ohr das erfassen kann, ist das Caffè fest in italienischer Hand. Perfetto! Das ist genau der richtige Start in einen Tag mit ganz viel Kunstgenuss…

Und weil wir schon mal da sind, auf der Piazza S. Francesco nämlich, schauen wir auch gleich mal rein in die Basilika San Francesco, eine dreischiffige Säulenbasilika, die bis heute vom Minoriten-Orden betreut wird. Mit dem Bau der Kirche war ca. Mitte des 5. Jahrhunderts begonnen worden, in den folgenden Jahrhunderten wurde der Sakralbau immer wieder umgebaut und erweitert.

Angeblich sollen in der Kirche die Begräbnisfeierlichkeiten für den Dichter und Philosophen Dante Alighieri (geboren ca. 1265 in Florenz, verstorben 1321 in Ravenna; bekanntestes Werk „Die Göttliche Komödie“) stattgefunden haben. Was irgendwie nicht verwundern würde, schließlich befindet sich sein Grabmal in nächster Nähe – und das müssen wir uns natürlich auch ansehen. Eine kleine Schlange hat sich davor schon gebildet, aber dann können auch wir einen Blick auf das Tomba di Dante werfen: Hier steht Dante Alighieris Marmorbüste, in einem kleinen, sehr weiß gehaltenen, neoklassizistischen Tempel. Nur ein paar Meter entfernt befindet sich das Museo Dante, in dem man alles über das Lebenswerk des berühmten Dichters und Philosophen erfährt. Wir werfen einen kurzen Blick in den schönen Innenhof, kaufen ein paar Postkarten mit Dante-Motiv und das war´s dann auch schon wieder, für mehr haben wir schlichtweg nicht genug Zeit.

Ravenna (rund 156.000 Einwohner:innen) ist die Hauptstadt der Provinz Ravenna in der Region Emilia-Romagna und lag ursprünglich an der Adria. Durch Verlandung hat sich das jedoch geändert und der Stadtkern liegt heute rund neun Kilometer von der Küste entfernt. 74 Jahre lang, von 402 bis 476 war Ravenna die Hauptresidenz der weströmischen Kaiser, die Stadt steht aber für noch mehr große Namen, wie z. B. Odoaker oder Theoderich der Große, die hier später residierten. Der byzantinische Einfluss, den man noch heute spürt und vor allem an den zahlreichen Mosaiken der Stadt ablesen kann, gründet darauf, dass Ravenna vom Ende des 6. Jahrhunderts bis zu seiner Eroberung durch die Langobarden im Jahr 751 Hauptstadt des oströmischen bzw. byzantinischen Exarchats von Ravenna und damit ein wichtiger Eckpfeiler der byzantinischen Macht in Italien war.

Ravennas Altstadt: bunt, charmant, gemütlich
Klingt alles ziemlich schwer und bedeutsam, aber wenn man heute durch Ravenna geht, präsentiert sich die Stadt, abseits ihres historischen Erbes, sehr lebendig und lebensfroh. Auch wenn der graue Himmel die Stimmung in der Stadt an diesem Novembersonntag noch ein wenig zu drücken scheint, schon wenige Stunden später kommt die Sonne heraus und lässt die Altstadt – mit ihren pastelligen und auch immer wieder in kräftigeren Rot-Tönen gehaltenen Fassaden – gleich viel lebenslustiger herüberkommen. Zumeist kommen Reisende ja aus einem ganz speziellen Grund – wegen der prächtigen und so großartig erhaltenen frühchristlichen und byzantinischen Mosaiken – nach Ravenna. Damit allein wird man der Stadt aber so gar nicht gerecht, wie zumindest ich finde. Denn die kompakte und gut erhaltene  Altstadt ist durchaus charmant und liebenswert und es lohnt sich abseits der üblichen Mosaiken-Stopps auch ein bisschen durch die Altstadtgassen zu schlendern und einfach mal die Stimmung dieser Stadt, die spannenderweise (zumindest bei unserem Besuch im November) so gar nicht touristisch herüberkommt, in sich aufzunehmen. Prächtige Palazzi, mächtige Tore, schöne Türen, bunte Fassaden, hübsche, belebte Plätze mit gut besuchten Caffès – das alles macht Ravennas angenehme Atmosphäre aus und Lust sich hier einfach ein bisschen treiben zu lassen. 

Mosaiken, die Geschichten erzählen – und gleich so viele!
Aber nun ruft die erste Station unserer Mosaiken-Tour. Das Ticket für diese Tour haben wir bereits vorab online gekauft (Link zum Online-Ticketoffice), denn für den Besuch der UNESCO-Monumente wie z.B. der Basilica di Sant `Apolinare Nuovo, Basilica San Vitale, Mausoleo di Galla Placidia, Battisterio Neoniano, etc. muss man Tickets lösen (Einzeltickets oder Sammeltickets) bzw. oftmals auch Time Slots buchen. Was Sinn macht, denn die Mosaiken sind für viele Ravenna-Reisende das Hauptziel und dementsprechend gut gebucht; in manchen Monumenten hätte man – zumindest zu den populären Reisezeiten – ohne Time Slots keine Chance für eine Besichtigung. Und so haben wir uns unsere persönliche Route vorab zusammengestellt: Damit geht es zuallererst in das Battistero Neoniano, danach in das Mausoleo di Galla Placidia – hier sind time slots notwendig. Von dort geht es direkt weiter in die unmittelbar neben dem Mausoleo gelegene Basilica di San Vitale (wo aufgrund der Größe des Sakralbaus kein expliziter time slot notwendig ist). Nächster Stopp: Das Museo e Cappella Arcivescovile (das gleich neben dem Battistero Neoniano liegt und wo ebenfalls kein time slot notwendig ist). Ganz am Schluss steht dann noch die Basilica di S. Apollinare Nuovo (ebenfalls kein Time Slot notwendig) am Programm. Und damit haben wir am Ende des Tages eigentlich immer noch nicht alles gesehen, was Ravenna in Sachen Mosaiken zu bieten hat. Aber dazu ganz am Ende des Beitrags mehr…

1. Stopp: Das Battisterio Neoniano
Zurück zu unserer ersten Mosaiken-Station: dem Battisterio Neoniano, der zur Kathedrale gehörenden Taufkapelle, einem achteckigen Ziegelbau, der von außen sehr unscheinbar wirkt. Die Kapelle ist das älteste erhaltene Bauwerk der Stadt und als wir dieses, in kleiner Gruppe zum gewählten time slot-Zeitpunkt, betreten, verschlägt es uns erst mal die Sprache. Wohin soll man zuerst blicken? Man weiß es eigentlich nicht. Da wir aber nur ca. 10 Minuten herinnen bleiben dürfen (denn draußen wartet schon die nächste Gruppe), muss man die Augen schnell dazu bringen ausgiebig herumzuwandern über diese unglaubliche Mosaiken-Pracht an den Wänden und im Gewölbe, die in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts entstanden ist (und zum UNESCO-Welterbe gehört).

Ebenfalls achteckig ist der (Marmor-)Taufbrunnen in der Mitte des Raums: Er stammt aus dem 13. Jahrhundert, im 16. Jahrhundert wurde das Becken neu errichtet, wobei ältere Teile wiederverwendet wurden. Noch aus der Zeit der Errichtung der Kapelle, also aus dem 5. Jahrhundert, stammt der Ambo, an dem der Priester die Taufzeremonie leitete.

Und dann heißt es: Kopf in den Nacken! In der mit Mosaiken gestalteten Kuppel ist ein großes Medaillon mit der Taufe Christi zu sehen: Jesus steht im Fluss Jordan, neben ihm Johannes der Täufer, der ein Kreuz hält und mit der anderen Hand Wasser über Jesus Kopf schüttet. Rund um das Medaillon dann zwei darum herum verlaufende Friese, im inneren Fries sieht man die zwölf Apostel. Es gibt hier noch viel mehr Beeindruckendes zu sehen und mein Tipp ist, einen guten Kunst-Reiseführer dabei zu haben, um sich vorher schon ein wenig einzulesen – denn, wie gesagt, drinnen muss es dann aufgrund der recht knapp bemessenen Time Slots schnell gehen.

Außen unscheinbar, innen durchaus sehenswert: Der Dom
Wer die Taufkapelle besichtigt hat, sollte auch noch einen Abstecher in den gleich daneben liegenden barocken Dom – die Cattedrale della Resurrezione di Nostro Signore Gesù – machen. Der ursprüngliche Bau – die zu Anfang des 5. Jahrhunderts errichtete Basilica Ursiana – wurde im 18. Jahrhundert abgerissen, wodurch vieles an Mosaikdekoration verloren ging. Der heutige Bau wurde danach im barocken und klassizistischen Stil errichtet. Überragt wird er vom 35 Meter hohen Campanile, der in vier Etagen gegliedert ist, und dessen Geläut aus dem 17. Bis 19. Jahrhundert stammt.

So unspektakulär der Dom von außen vielleicht wirken mag, innen überrascht er dann doch. Zum Beispiel mit der schönen klassizistischen Vierungskuppel, die an ihrer höchsten Stelle eine Höhe von fast 48 Metern erreicht. Auch der Hochaltar, 1760 erbaut, überzeugt mit seinen schönen, kostbaren Steinen wie z. B. antikem grünem Porphyr, Marmor aus Carrara oder orientalischem schwarzem Marmor. Darin befinden sich die Reliquien der ersten neun Bischöfe von Ravenna. Einst gehörte auch ein silbernes Ziborium zu diesem Altar, das aber Anfang des 16. Jahrhunderts geraubt wurde.

Ein absolutes Highlight ist aber – auf der rechten Seite des Langhauses – der kostbare Ambo des Bischofs Agnellus: Diese Lesekanzel in Form eines Ambos wurde aus griechischem Marmor gearbeitet und zwischen 557 und 570 für die antike Basilika errichtet. Später wurde sie zerlegt, ihre Teile wurden in den Mauern des barocken Chorraums eingebaut. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie jedoch rekonstruiert und wieder aufgestellt. Wer sich die Kanzel aus nächster Nähe ansieht, wird Tiere auf den Flachreliefs, die sich an beiden Seiten befinden, entdecken. Insgesamt zählt die Kanzel rund 36 solcher Rechteckfelder mit Tierdarstellungen. 

Lapidarium, Pinakothek und Mosaikenkunst: Das Museo Arcivescovile
Es bietet sich an, jetzt auch noch einen Abstecher ins Museo Arcivescovile (Erzbischöfliches Museum) zu machen, denn es befindet sich im Erzbischöflichen Palais gleich neben Dom und Battisterio Neoniano. Gegründet in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wurde es im Zuge der Jahrhunderte immer wieder umgebaut und um weitere Ausstellungsobjekte erweitert. Heute findet man hier ein Lapidarium (mit Inschriften, Mosaikfragmenten und Steindenkmälern aus dem Dom von Ravenna), diverse Objekte aus Kirchen der Diözese Ravenna sowie Ausgrabungsfunde aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im 2. Stockwerk, das 2010 eröffnet wurde, findet man eine kleine Pinakothek mit schönen Gemälden und darüber hinaus eine Sammlung liturgischer Geräte und Gewänder.

Das absolute Highlight für uns war allerdings die Erzbischöfliche Kapelle (Kapelle des Apostels Andreas, im ersten Stock), die teilweise mit Mosaiken aus dem 6. Jahrhundert ausgeschmückt ist. Die kreuzförmig angelegte Kapelle war das private Oratorium trinitarischer Bischöfe und war ursprünglich – entgegen ihrem heutigen Namen – Jesus Christus geweiht. Sie gehört zu den insgesamt acht Objekten in Ravenna, die 1997 ins Welterbe der UNESCO aufgenommen wurde – nicht überraschend, wie wir finden.

Die Mosaikentour durch Ravenna geht weiter: Unser nächster Stopp sind das Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia sowie die Basilica di San Vitale – beides absolute Highlights.

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Und auch dies sind lohnende Ziele in der Emilia-Romagna: 
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Die Reise erfolgte auf eigene Kosten, der Blog-Beitrag ist daher eine persönliche Empfehlung von Herzen.