• Ravenna: Wo Mosaiken Geschichten erzählen (II)
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Ravenna hat uns vom ersten Moment an in seinen Bann gezogen: Nach einem Spaziergang durch die charmante Altstadt von Ravenna, deren schöne Gassen und Plätze definitiv mehr als nur einen flüchtigen Blick verdienen, stand mit dem beeindruckenden Mausoleum Neoniano gleich eines der ersten großen Highlights auf unserem Programm. Doch das war erst der Anfang. Teil 2 unserer Ravenna-Serie führt weiter durch die Stadt – zu noch mehr Mosaiken, Geschichte und diesen besonderen Momenten, in denen man einfach nur staunend stehen bleibt...

Und dann stehen wir auch schon vor dem relativ kleinen, schlichten Mausoleo di Galla Placidia, das aus roten Backsteinen errichtet wurde, und ahnen noch gar nicht, was für eine Schatzkammer uns im Inneren erwartet. In allernächster Gehdistanz liegt die Basilica San Vitale, aber wir haben einen Time Slot für das Mausoleum, und so geht es zuerst in dieses...

Denn drinnen funkelt es uns geradezu entgegen: Unzählige, tausende, wahrscheinlich eher Millionen von kleinen Mosaiksteinen sind hier and den Wänden und Gewölbedecken aneinandergefügt und zeigen, ganz oben im Gewölbe einen tiefblauen Himmel, mit hunderten goldenen Sternen. Was wir hier sehen, sind, so lese ich nach, die ältesten Mosaike Ravennas, aus dem 5. Jahrhundert n. Chr.. Und wessen Grabstätte ist das denn nun? Wer konnte sich eine derart prachtvolle letzte Ruhestätte leisten? Die römische Kaiserin Galla Placidia. Wieder lese ich nach und staune: Eine wahnsinnig dichte und vielstrangige Lebensgeschichte, in die man da eintaucht. Was ich auf die Schnelle mitnehme: Aelia Galla Placidia, geboren um 390 in Konstantinopel, war eine Tochter des römischen Kaisers Theodosius I., und Mutter des späteren Kaisers Valentinian III. Und weil dieser nach dem Tod von Constantius III, seinem Vater, also Placidias Mann, noch ein Kind und damit nicht regierungsfähig war, war Galla Placidia für einige Jahre die Regentin des Weströmischen Reiches. Ein bewegtes, spannendes Leben, das 450 in Rom endete, und, so lese ich ebenfalls erstaunt: dort, nämlich in Rom, wurde sie auch beigesetzt und nicht in dieser Grabstätte in Ravenna. Jetzt bin ich etwas verwirrt. Aber eigentlich habe ich gar keine Zeit mir darüber noch viele Gedanken zu machen, denn ich muss mir dringend noch all die anderen Mosaike in diesem Bauwerk ansehen, wie z. B. den jugendlichen, bartlosen Jesus, der als guter Hirte dargestellt Schafe weidet und eines davon streichelt. Und dann sieht man hier auch noch Tauben und Hirsche, die Wasser trinken. Apropos, der großartige Glanz dieser Mosaike kommt daher, dass bei den Mosaiken in Ravenna farbige oder vergoldete, kleine Glaswürfelchen verarbeitet wurden. Das führt dazu, dass diese Mosaikbilder ganz besonders schimmern und die dargestellten Figuren plastischer wirken als bei anderen Mosaiken.

Dann ist es nur ein Katzensprung hinüber in die Basilica San Vitale. Kaum drinnen, muss ich erst mal nach Luft schnappen: Was man hier zu sehen bekommt, kann einen gelinde gesagt schon etwas sprachlos machen. Wohin zuerst schauen in dieser Kirche, deren Bau vermutlich 537 begonnen wurde und die 547 dem heiligen Vitalis geweiht wurde, und die zu den bedeutendsten Sakralbauten der spätantik-frühbyzantinischen Zeit gehört. Architekturformen aus dem Oströmischen Reich mischen sich hier mit den damals für Italien typischen Bautechniken. 

Diese Mosaiken, diese Farben: Grün, Gold, erdige Töne, sattes Türkis. Und noch viel mehr an Farben macht diese Mosaikausstattung so außergewöhnlich. Warum die Darstellungen in San Vitale so besonders farbenprächtig ausfallen, erklärt sich auch damit, dass hier nicht wie sonst üblich Stein und Glas zum Einsatz kamen, sondern Halbedelsteine. Lapislazuli sorgt also für ein besonders intensives Blau, z. B. bei Gewändern, Malachit für die schillernden Grüntöne bei Landschaften, Pflanzen etc.; Porphyr wird ebenfalls verarbeitet, z.B. bei den prachtvollen Gewändern von Christus oder dem Kaiserpaar Justinian und Theodora. Und das war noch längst nicht alles, auch Alabaster (weiß oder leicht durchscheinend) und Onyx (schwarz, weiß und grau) führen hier zu besonders schönen Effekten.

Und damit wären wir wieder beim zuvor angesprochenen Problem: Wo soll man hier zuerst hinschauen? Oder besser gesagt: Wie soll man es am besten anschauen, damit einem auch wirklich nichts entgeht? Besonders schön sind – und nicht umsonst gelten sie als die berühmtesten Mosaiken von San Vitale – die Porträts des oströmischen Kaisers Justinian und seiner Frau Theodora, die sich an den Wänden der Apsis befinden. Justinian gilt als einer der bedeutendsten Herrscher der Spätantike, er symbolisiert auch den Übergang vom antiken römischen Reich zum Byzantinischen Reich des Mittelalters. Links oben posiert also der Kaiser in prächtigem Gewand mit zwei Patriziern, Soldaten der kaiserlichen Wache sowie Geistlichen und Bischof Maximilian. In der Hand hält er einen goldenen Hostienteller, sein Blick scheint, mit durchaus etwas kritisch hinauf gezogenen Augenbrauen, genau auf uns Besucher:innen hier unten zu ruhen.

Farbenprächtig und zugleich luxuriös ist auch Theodora dargestellt: Sie steht vor prunkvoller, spätbarocker Architektur. Ihre Hofdamen sind in prächtige, dekorative Gewänder gekleidet, neben ihnen sprudelt ein Springbrunnen. Wenn man sich ein wenig in ihr Leben einliest, dann gewinnt man den Eindruck, dass Theodora ihrem Mann durchaus ebenbürtig war. Sie, die aus bescheidenen familiären Verhältnissen kam, lernte den 15 Jahre älteren Justinian kennen, damals Neffe des regierenden Kaisers. Und es muss eine große Liebe gewesen sein, denn der spätere Kaiser brachte seinen Onkel angeblich zu einer Gesetzesänderung, sodass er seine Theodora, die aus niedrigerem Stand stammte, zur Frau nehmen konnte. Was man über sie liest in den verschiedensten historischen Quellen ist nicht immer kohärent, aber dennoch verfestigt sich das Bild, dass sie anscheinend eine starke, durchaus machtbewusste und heute würde man sagen auch sehr emanzipierte Frau war, die durchaus ihren Mann stand, wenn auch, notgedrungen, zumeist hinter ihrem Mann, dem Kaiser. Mein Eindruck ist: Sie lebte ein intensives, aber zu kurzes Leben – starb sie doch mit nicht einmal 50 Jahren im Jahr 548 in Konstantinopel und wurde in der Apostelkirche beigesetzt. 

Besonders schön auch das apokalyptische Lamm im Gewölbe des Altarraums, das auf einem Medaillon stehend, inmitten einer reich ornamentierten Decke von den vier Erzengeln, die auf Globen stehen, getragen wird.

Und noch einmal muss man einen ganz gezielten Blick hinaufwerfen und wieder gibt es – unter anderem – einen Globus zu sehen: In einer halbkugelartigen Wölbung der Apsis thront Christus als Weltenherrscher. Und auf den ersten Blick präsentiert er sich da sehr ungewohnt: Jugendlich, ohne langem Bart und mit kurzen Haaren sitzt er auf einer blauen Himmelskugel. Zwei Engel führen ihm den in der Kirche verehrten, prächtig gekleideten Vitalis zu, der mit verhüllten Händen die Märtyrerkrone empfängt. Hinter den Figuren ein wunderbar changierender Goldhintergrund, unter ihnen breitet sich eine blühende Landschaft aus. Und dann noch der Himmel, wo blau- und rot-weiße Wolkenstreifen leuchten – wer kommt da nicht ins Schwärmen?  

Und ja, es sind keine Mosaiken, aber dennoch lohnt sich ein ausgiebiger Blick hinauf auf die schönen Fresken in der zentralen Kuppel: Die illusionistische Malerei ist gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden und zeigt im Kuppelscheitel den Heiligen Vitalis sowie den heiligen Benedikt im Himmel.

Soviel es an den seitlichen Wänden und an den Decken zu sehen gibt, auch ein Blick hinunter zu den Füssen lohnt sich: Ornamentale und florale Muster in schönen Erdtönen ziehen sich durch den gesamten Kirchenraum. Und auch wenn die Böden nicht zur Gänze im Original erhalten sind, so sind sie dennoch sehr beeindruckend. 

Bevor wir San Vitale quasi durch den Hinterausgang verlassen, dann noch ein letzter Rundumblick. Wir, die wir doch schon so einiges Beeindruckendes auf Reisen gesehen haben, sind komplett überwältigt von all dieser Pracht, all diesen schimmernden, wunderschönen Mosaiken. Wie muss sich das erst für die Menschen damals angefühlt haben?

Hier geht es zu Teil 3 des Ravenna-Beitrags: Quer durch die Altstadt spazieren wir zur Kirche Sant'Apollinare Nuovo, die einmal mehr mit großartigen Mosaiken beeindruckt.  

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Und auch dies sind lohnende Ziele in der Emilia-Romagna: 
BOLOGNA - die rote, die fette, die gelehrte Stadt. I Gut essen in Bologna: Meine persönlichen Empfehlungen I Gut schlafen in Bologna: Mit beeindruckendem Ausblick auf die Altstadt
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Die Reise erfolgte auf eigene Kosten, der Blog-Beitrag ist daher eine persönliche Empfehlung von Herzen.