• Ravenna: Wo Mosaiken Geschichten erzählen (III)
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Was für ein Tag in Ravenna! Schon seit Stunden sind wir in der glanzvollen Welt der byzantinischen Mosaiken unterwegs – und unsere Begeisterung wächst mit jeder Station unseres Rundgangs. Von den beeindruckenden Darstellungen im Battistero Neoniano über den sternenübersäten Himmel im Mausoleum der Galla Placidia bis hin zur monumentalen Pracht von San Vitale – ein Meisterwerk reiht sich hier an das nächste. Unsere Füße sind inzwischen zwar ein bisschen müde, doch unsere Augen können sich kaum sattsehen an den leuchtenden Farben und der unglaublichen Detailfülle...

Und obwohl wir schon so viel gesehen haben, wartet nun noch die letzte Station dieses Tages auf uns – und es sei schon mal vorab verraten: Es wird ein würdiger Abschluss für einen rundum beeindruckenden Streifzug durch Ravenna. Nun geht es also noch einmal 15 Minuten zu Fuss quer durch die Altstadt: Unser letztes Ziel ist ein weiteres Highlight der Stadt, die Basilica di Sant` Apollinare Nuovo (Via di Roma, 52), die im Auftrag von Theoderich des Großen (verstorben 526) errichtet wurde und somit noch älter als die Basilica San Vitale ist. Am Weg dorthin, mache ich das, was ich bei Städtereisen am liebsten tue: Den schönen Details einer Stadt meine Aufmerksamkeit schenken…

Wenig später stehen wir auch schon vor der Basilica di San`Apollinare Nuovo, die schon von außen mit einem hübschen Vorplatz mit Palme und einem schönen Campanile auf sich aufmerksam macht. Die Kirche diente dem Ostgotenkönig als Palastkirche, lag sein Palast doch gleich nebenan. Betonung auf „lag“, denn erhalten ist dieser schon lange nicht mehr – außer auf einem Mosaik in der Kirche, auf dem er abgebildet ist. Betritt man die Kirche durch die Eingangshalle im Renaissancestil, steht man auch schon mitten in der dreischiffigen Basilika. Und muss einmal mehr tief durchatmen – denn auch hier droht einem die Mosaiken-Pracht erst mal den Atem zu rauben.

„Nur“ mehr die Mosaiken im Mittelschiff sind heute noch vorhanden, einst war der gesamte Innenraum mit Mosaiken ausgestaltet. Aber das tut dem überwältigenden Eindruck keinen Abbruch, denn auch hier gibt es unglaublich viel Schönes und Spannendes zu sehen. So z. B. auf der südlichen Mittelschiffswand eine Prozession von 26 männlichen Heiligen, die vom hl. Martin angeführt wird. Letzterer trägt ein purpurrotes Obergewand, der hl. Laurentius (der in Ravenna ein beliebter Heiliger war) trägt Gold, die restlichen Prozessionsteilnehmer tragen weiße Gewänder. In den Händen halten sie Kränze und einen Palmzweig, der sie als heilige Märtyrer ausweist. Ihr Ziel ist Christus, der im Osten thront und von Engeln umgeben ist.

22 jungfräuliche Märtyrerinnen sieht man auf der Wand vi-à-vis: Sie bewegen sich, in goldbestickten Tuniken und mit weißen Schleiern, ebenfalls in einer Prozession hin zur – von Engeln flankierten – Muttergottes mit dem Kind auf dem Arm. Wie die männlichen Märtyrer tragen auch die hier gezeigten Jungfrauen den Siegeskranz in den Händen. Ihnen voran sind drei sehr bekannte Herren zu sehen: die Weisen aus dem Morgenland. Ihre Darstellung finde ich besonders schön: Elegant gekleidet tragen sie zudem sogenannte phrygische Mützen, um ihre östliche Herkunft zu zeigen. Mich erinnern die roten Mützen ehrlich gesagt auch ein wenig an die Mützen vieler Gartenzwerge…

In der oberen Wandfläche des Mittelschiffs, zwischen den Fenstern, gibt es dann noch mehr zu sehen: Nämlich Apostel und Propheten in insgesamt 32 Darstellungen. Wer sich gut mit religiösen Darstellungen auskennt, wird darüber noch weiteres entdecken, nämlich Darstellungen der Wunder und der Passion Christi sowie Baldachine.

Wie zuvor schon erwähnt findet man in der Kirche (nahe dem Eingang) auch eine Darstellung des ehemaligen Palasts von Theoderich des Großen sowie des Hafens der Stadt. Interessantes Detail: Hier sind nicht mehr die ursprünglichen Mosaiken aus der Zeit Theoderich des Großen zu sehen. Nachdem Ravenna durch oströmische Truppen im Jahr 540 erobert worden war, wurden die Abbilder Theoderichs und auch die seiner Höflinge entfernt – seitdem kann man hier nur mehr Vorhänge erkennen. Wer allerdings ganz genau hinschaut – oder so wie ich mit dem Kameraobjektiv hinauf zoomt – der wird an der einen oder anderen Stelle noch Hände der einstigen Protagonisten entdecken.

Und dann noch ein Blick hinauf, zur Decke: Auch hier waren einst Mosaiken zu sehen („hl. Martin im Goldhimmel“), heute ist sie als Kassettendecke ausgestaltet. Durchaus schön, aber mit Mosaiken wurde hier vermutlich eine ganz andere Wirkung erzielt.

Viel haben wir gesehen, fast zu viel, um es auch verarbeiten zu können. Wir spazieren abschließend noch kurz durch den schlichten Kreuzgang, um unsere Augen gleichsam ein bisschen auszulüften. Und obwohl wir soviel gesehen haben an diesem einen Tag, steht dennoch noch einiges auf der Liste, was wir nicht geschafft haben zu besichtigen: wie z. B. der sogenannte Palazzo di Theodorico, bei dem es sich allerdings nicht um einen Palazzo, sondern um Reste einer Kirche handelt. Allerdings: Bei den Bodenmosaiken wird vermutet, dass sie eigentlich aus Theoderichs Palast stammen könnten, der am gleichen Standort gestanden hatte. Ebenfalls auf dem Zettel für einen weiteren Besuch: das Battisterio degli Ariani aus dem frühen 6. Jahrhundert mit einer beeindruckenden – weil mit wunderschönen Mosaiken ausgelegten – Kuppel. Und auch wenn das Mausoleo di Teodorico, das Grabmal des Gotenkönigs, am nördlichen Stadtrand Ravennas oft als düstere Angelegenheit beschrieben wird, wir wollen es beim nächsten Besuch dann dennoch sehen.

Der Mercato Coperto, kulinarische Adresse mit langer Geschichte
Zum Abschluss gibt es noch einen kulinarischen Tipp, denn wer wie wir kreuz und quer durch die Altstadt unterwegs ist, den wird der Hunger heimsuchen: Der Mercato Coperto (Piazza Andrea Costa, 6) im Zentrum der Altstadt ist eine gute Adresse, um diesen Hunger zu stillen, und blickt auf eine lange Geschichte zurück, fand er doch bereits im Mittelalter dort seinen Ursprung – als Handelsplatz für Fisch-, Fleisch- und Tuchgeschäfte. Das ursprüngliche Gebäude steht hier allerdings nicht mehr, die heutige Markthalle stammt aus dem Jahr 1918, wurde seitdem aber zahlreichen weiteren Restaurierungen und Umbauten unterzogen. Heute ist es – wie so oft bei solchen Institutionen der Fall – keine klassische Markthalle mehr: Neben einem kleinen Markt sind hier u. a. auch eine Bäckerei, eine Fleischerei, eine Piadineria, ein Caffè und ein Eisgeschäft zu finden, wie auch zwei Restaurants und eine Pizzeria. Jedenfalls eine gute Anlaufstelle für Hunger unterschiedlichster Größenordnungen, und wer auf der Suche nach Spezialitäten aus der Emilia-Romagna ist, der wird hier auch fündig. Geöffnet hat die Markthalle übrigens praktischerweise täglich. 

Die ersten beiden Teile der Ravenna-Reportage versäumt? Hier geht es entlang: Teil 1 und Teil 2 erzählen noch mehr über die Stadt der Mosaiken. 

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Und auch dies sind lohnende Ziele in der Emilia-Romagna: 
BOLOGNA - die rote, die fette, die gelehrte Stadt. I Gut essen in Bologna: Meine persönlichen Empfehlungen I Gut schlafen in Bologna: Mit beeindruckendem Ausblick auf die Altstadt
PARMA: Soviel mehr als nur Prosciutto und Verdi
FERRARA: Stadt der Palazzi und Fahrräder

Die Reise erfolgte auf eigene Kosten, der Blog-Beitrag ist daher eine persönliche Empfehlung von Herzen.