• Unterwegs im Salento (II): Gallipoli
    Apulien I Italien

Juni 2025

Er ist perfekt gelegen, der Palazzo Marconi, "unser" Palazzo auf Zeit in Corigliano d`Otranto –
nämlich mitten im Salento. Und so machen wir von hier aus auch einen Ausflug ins rund 35 Autominuten
entfernte Gallipoli, das so beindruckend auf einer Halbinsel am Ionischen Meer liegt und auch
kunsthistorisch ziemlich viel zu bieten hat...

Kallipolis hieß die Stadt Gallipoli einst bei ihrer Gründung durch griechische Kolonisten: Die „schöne Stadt“ – denn das bedeutet der Name, übersetzt man ihn aus dem Griechischen. Ein Name, der Erwartungen schürt – aber ja, Gallipoli wird diesen auch gerecht. Denn allein die Lage ist schon mal ziemlich schön: So liegt die Altstadt, auf einer Felsen-Halbinsel errichtet, malerisch direkt am Ionischen Meer, im Golf von Tarent, nur durch eine Brücke mit der auf dem Festland liegenden Neustadt verbunden.

Das Erste was wir im centro storico von Gallipoli (rund 40 Kilometer südwestlich von Lecce gelegen) zu sehen bekommen, nachdem wir das Auto am Hafen (nahe dem wuchtigen Castello, Parcheggio Porto Gallipoli) geparkt und die mächtige Stadtmauer, die die Altstadt umgibt, erklommen haben: Die Spiaggia della Purità – und der Name ist hier Programm. Denn rein ist das Wasser wirklich, glasklar, türkis-blau, und der Begriff „Karibikfeeling“ drängt sich sofort auf. Der Stadtstrand der 19.000-Einwohner:innen-Stadt am Ionischen Meer ist auch schon ganz gut besucht und das, wie es aussieht, vorwiegend von Italiener:innen. Sie tun, was meiner Meinung nach alle Italiener:innen perfektioniert haben: Im Wasser stehen, plaudern und noch eine zusätzliche Schicht dieser wunderbaren, süditalienischen Haselnuss-Bräune erarbeiten. Eigentlich wäre ich jetzt auch gerne dort unten, denn das Meer, das lockt, und wie. Aber nein, wir haben zwar Badesachen im Auto, aber jetzt steht erstmal eine Stadtbesichtigung am Programm.

Und noch bevor wir uns ins Gassengewirr werfen, fallen wir eher zufällig in die kleine Chiesa Santa Maria della Purità, die, wie es der Name verrät, schräg gegenüber vom Strand della Purità steht, ein. Klein mag sie ja sein, aber dennoch sehr beeindruckend, und das hinter einer eher unscheinbaren Fassade: Sie wurde zwischen 1662 und 1665 auf Wunsch der Bruderschaft der scaricatori di porto, also der Hafenarbeiter, erbaut. In jenen Jahren wurde das einschiffige Oratorium errichtet, das später umgebaut und erweitert wurde. Besonders sehenswert sind die prächtigen Stuckarbeiten sowie der Hochaltar aus Marmor, auf dem sich ein Gemälde des bekannten Barockmalers Luca Giordano befindet; es zeigt die Madonna della Purità zwischen dem Heiligen Josef und dem Heiligen Franz von Assisi. Ebenfalls beeindruckend: die zahlreichen Gemälde aus dem 18. Jahrhundert. Was mir, vor allem als Fan schöner Fliesen und Majolika, gleich ins Auge springt: Der Majolika-Boden aus dem 19. Jahrhundert – aber auch die hübschen polychrom verzierten Holzsitze aus dem 18. Jahrhundert.

Wer entlang der Stadtmauer mit Blick auf das Meer weiterläuft, dem wird schnell auffallen, dass sich hier zahlreiche Kirchen diverser Bruderschaften aneinanderreihen. Als die Stadt dank der Produktion von Lampenöl basierend auf dem apulischen Olivenöl einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte (im 17. bzw. 18. Jahrhundert wurde Gallipoli der wichtigste Lieferant von Lampenöl für die baltischen Länder, Russland, die Niederlande und England, aber auch das Osmanische Reich), entstanden in Gallipoli zahlreiche Bruderschaften unterschiedlichster Berufssparten. An die 20 sollen es gewesen sein, darunter, wenig überraschend, Fassmacher und Ölmüller. Bruderschaften wie diese errichteten sich auch ihre eigenen Kirchen, welche ein Treffpunkt für ihre Gemeinschaft, aber natürlich auch Prestigesache waren.

Eine weitere dieser Kirchen ist das hübsche Oratorio Confraternale Santa Maria degli Angeli: In der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut, gegenüber von der Insel Sant`Andrea am Rand der Stadtmauer gelegen und einer Bruderschaft anvertraut, die sich aus Fischern, Bauern und Künstlern zusammensetzte. Besonders schön finde ich hier die sorgfältig bemalten, hölzernen Wandvertäfelungen. Bisher auch selten erlebt: Ein Blick durch die Kirchentür hinaus lässt unser Auge mitten im glitzernden Blau des Golfs von Tarent landen.

Aber dann geht es endgültig hinein ins enge Gassengewirr Gallipolis, und es sind gefühlt nur fünf Minuten, da stehen wir auch schon, an der höchsten Stelle der Altstadt, vor der kunsthistorisch bedeutendsten Kirche der Stadt: der Kathedrale Sant’Agata, geweiht der heiligen Märtyrerin Agatha von Catania, die auch Schutzheilige Gallipolis ist. Und bereits der erste Blick auf die goldgelbe Tuffstein-Fassade macht klar: Auch diese Kathedrale ist ein hervorragendes Beispiel für den berühmten Lecceser Barock – Figuren, Ornamente, Blumen, Pflanzen und vieles mehr kann man an der üppig gestalteten Fassade erkennen und auch hier schlägt der Barock richtiggehend Kapriolen.

Was die Geschichte dieser Kirche angeht, so gibt es verschiedene Erzählungen: So soll diese zerstört worden sein, als 1284 Karl I. von Anjou die Stadt besetzt hatte und in der Stadt kein Stein auf dem anderen geblieben war. Im Zuge des Wiederaufbaus der Stadt um 1314 soll auch die Kirche neu errichtet worden sein. Aber dann gibt es wiederum angeblich auch Dokumente, die belegen sollen, dass die Zerstörung der Stadt als auch der Kathedrale nicht eindeutig nachzuweisen ist. Wie auch immer, im beginnenden 17. Jahrhundert soll das Kirchengebäude jedenfalls so baufällig gewesen sein, dass der Abriss und Bau einer neuen Kirche beschlossen wurden: Der Grundstein für das neue Gebäude wurde schließlich im Mai 1629 gelegt. Die Fassade wurde 1696 fertiggestellt, im Inneren wurde dann (an den Malereien) noch länger gearbeitet, nämlich bis in die 1730er Jahre.

Galeriefeeling dank rund 100 Gemälden
Im Inneren fühle ich mich jedenfalls glatt ein wenig an die Chiesa San Zaccaria in Venedig erinnert, denn: Auch hier kommt Gemäldegalerie-Feeling auf dank der rund 100 Gemälde aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Der prominenteste unter den hier anzutreffenden Malern ist Giovanni Andrea Coppola, der 1597 in Gallipoli geboren wurde und hier auch starb. Sein Werk "Martyrium der Hl. Agatha" kann man gar nicht übersehen, so monumental nimmt es sich über dem Altar des linken Querhauses aus. Ein aufmerksames Auge braucht es bei einem seiner anderen Werke in der Kathedrale: Das Gemälde "Wunder des hl. Franziskus von Paola" findet man beim zweiten Seitenaltar (an der linken Seite) und es zeigt, ganz rechts im Bild, Coppola selbst. Übrigens, wer genau hinschaut, der wird in Sant`Agata noch fünf weitere Gemälde des Künstlers aus Gallipoli entdecken.

Mich überzeugt die Kirche aber noch mit viel mehr: z. B. mit der wunderschön ausgemalten Kuppel im Chorraum und dem Deckenbild "Martyrium der hl. Agatha" von Nicola Malinconoicos sowie dem schönen Chorgestühl aus Nussbaumholz (von 1741). Beeindruckend schön auch die rötlich marmorierten Säulen vor den Chorkapellen.

Einen Besuch der Neustadt, mit der die Altstadt über eine Brücke verbunden ist, lassen wir aufgrund der großen Hitze aus. Viel lieber flanieren wir noch ein bisschen durch die Gassen der Altstadt. Diese blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Nachdem das römische Reich zusammengebrochen war, kamen, wie in so viele süditalienische Regionen und Städte, Goten, Langobarden, Byzantiner, Normannen, Staufer und Anjou. Auf die eine oder andere Art hinterließen sie alle Spuren in der Stadt und wer mit aufmerksamen Augen unterwegs ist, wird davon etwas entdecken. Und man entdeckt – neben vielen Restaurants, Cafès und kleinen Geschäften – etwas abseits des Altstadtkerns auch das „richtige“ Leben, das es hier dankenswerterweise noch gibt. Da stehen Wäscheständer vor der Haustür und Sessel, bereit für ein Plauscherl, wenn abends die Hitze ein wenig weicht aus den engen Gassen.

Bevor wir weiterfahren, nämlich an die nördlich von Gallipoli gelegenen Strände und dort unser Glück für eine Abkühlung im Meer suchen, gönnen wir uns noch ein paar Kalorien im Cafè del Mar (Riviera Nazario Sauro, 5) direkt an der Stadtmauer. Was auf den ersten Blick lediglich wie ein typisches Touristenlokal anmutet, überrascht uns dann mit ausgesprochen gutem Service dank sehr freundlicher Mitarbeiter:innen, tadelloser Pizza – und einem Ausblick, der ohnehin kaum zu toppen ist, weil auf die Altstadt, den Hafen, Spiaggia della Purità und das unendliche Blau des Ionischen Meeres. Besonders schön muss es hier wohl auch sein, wenn sich die Sonne abends verabschiedet…

Hier ist es aber nicht so schön wie am Lido di Tropea, lässt mein Mann gleich mal als erstes vom Stapel, als wir uns im Strandbad Spiaggia di Lido Conchiglie, mit Blick auf Gallipoli, auf eine Liege sinken lassen. Ja, mag sein, der Lido di Tropea nahe Otranto ist nun mal unser Liebling, aber auch hier kann man es richtig gut aushalten. Klares, türkises Wasser, und wenig los ist hier auch Ende Juni unter der Woche, anscheinend sind wir sogar die einzigen Tourist:innen an diesem Strand, zumindest höre ich rund um mich nur Italienisch. Also gleich mal ins Meer, gegen die Wellen anlaufen, untertauchen, das Salzwasser prustend ausspucken und sich von der nächsten Welle durchschaukeln lassen. Danach: Genau der richtige Zeitpunkt für ein richtig gutes Eis aus der Strandbad-Gelateria. Bis ich bei unseren Liegen ankomme, läuft es mir ob der Hitze zwar schon über die Finger, aber was solls: Das nächste Bad im Meer kommt bestimmt, vermutlich gleich nach dem Eisgenuss.

Am späten Nachmittag beginnt das Meer dann zu glitzern als ob Millionen von funkelnden Diamanten auf den Wellen säßen. Die Kabanentüren des Strandbads öffnen sich und sehr betagte Damen ziehen mit kleinen Sitzhockern unter dem Arm hinunter ans Wasser. Da sitzen sie nun, lassen das Meerwasser über ihre Füße tanzen, plaudern und sehen dabei ziemlich zufrieden aus. La vità e bella, denken sie sich jetzt vielleicht. Na ja, zumindest ich denke es mir...

Für einen Besuch im nahen Fischlokal La Maruzzella (Via Cristoforo Colombo Lido Conchiglie), einer Empfehlung unserer Gastgeber:innen im Palazzo Marconi, reicht die Zeit dann leider nicht mehr. Schade, denn frisches Seafood nach einem langen Strandtag wäre eigentlich genau das richtige gewesen...

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Wer Teil 1 des Beitrags zu Highlights des Salento übersehen hat, hier geht´s lang...

Unsere Reise durch Apulien geht weiter. Nächster Stopp: An der Ostküste Apuliens, der Costa di Bari - und zuallererst statten wir Bari, der Hauptstadt Apuliens, einen Besuch ab. 

Quartier beziehen wir übrigens im Hinterland der Costa di Bari, in der Villa Pesce 1820, einem kleinen Boutiquehotel mit Pool, mitten in einem Olivenhain gelegen. 

Diese Apulienreise wurde zur Gänze selbst bezahlt. Empfehlungen kommen daher von Herzen und ohne jegliche Beeinflussung.