• Tempelfieber im Valle dei Templi
    Sizilien, ein Fest der Sinne! (VI)

Sommer 2017

Es war ein absolutes Must auf unserer Sizilien-Rundreise: Das Valle dei Templi bei Agrigento. Dass bei uns dann regelrechtes Tempelfieber ausbrach, könnte aber auch an den schweißtreibenden Temperaturen im Süden der Insel gelegen haben. Und dann hieß es: Finde deine Mitte! Die geografische von Sizilien nämlich und die liegt in Enna. Das bei gutem Wetter sogar einen Blick bis zum Ätna und den Liparischen Inseln bietet...

Das kann sich sehen lassen: Von der großen Terrasse unseres B&B nahe Agrigento haben wir den vordersten Tempel im "Tal der Tempel" schon mal bestens im Blick,ob es Herakles, Concordia oder Hera Lakinia ist – wir können vorerst nur rätseln. Auch das Meer liegt uns hier oben zu Füssen und hinter den Hügeln der Umgebung geht vermutlich beeindruckend die Sonne unter. Also erst mal die Beine hoch legen und zusehen, wie der Himmel sich rosa färbt und den Tempel ins beste Licht rückt...

Am nächsten Tag nehmen wir das Valle dei Templi dann genauer unter die Lupe und eines wird schnell klar: Die Tempel hier liegen nicht in einem Tal, wie das Valle dei Templi, wie es im Volksmund genannt wird, vermuten lässt, sondern auf einem Hochplateau. Rund 600 Jahre v. Chr. war Akragas von den Griechen gegründet worden und schnell zur zweitwichtigsten Stadt nach Siracusa avanciert. Kein Wunder also, dass hier auf diesem Höhenzug eine Reihe monumentaler Tempel errichtet wurden, die heute noch beeindruckend gut erhalten sind. Die archäologischen Stätten von Agrigento, die südlich vom heutigen Stadtkern Agrigentos gelegen sind, gelten als die bedeutendsten archäologischen Fundplätze auf Sizilien. Die dorischen Tempel belegen wie groß und mächtig die damals griechische Stadt Agrigento war.

Ein bisschen andächtig stehen wir dann vor dem Concordiatempel, der laut Reiseführer einer der am besten erhaltenen Tempel der griechischen Antike überhaupt ist. Bis auf das Dach ist er vollkommen erhalten und wir versuchen uns vorzustellen, wie er früher ausgesehen haben muss: Angeblich mit weißem Stuck überzogen und farbig gefasst. Irgendwie fehlt uns dafür die Vorstellungsgabe. Die Sonne brennt unerbittlich herunter, aber wir wollen jetzt alles sehen. Also durchstreifen wir das gesamte Gelände dieses Freilichtmuseums: Tempio di Ercole, Tempio di Concordia, Tempio di Juno Lacinia - sie sind allesamt beeindruckend. Wie auch die Pflanzenwelt, die hier wild und üppig wuchert, vor allem die teils riesigen Kakteen, die hier in den Himmel zu wachsen scheinen. Und dann der Blick auf das Meer und uns ist auch klar, warum ausgerechnet hier eine Stadt gegründet wurde: Das Hochplateau fällt nach drei Seiten steil ab, ideal um eine Stadt möglichst gut verteidigen zu können.

Nun wissen wir auch, welchen Tempel wir im perfekten Abendlicht von unserer Terrasse aus bewundert haben: Den Juno-Lacinia-Tempel. Aber er gefällt nicht nur uns, auch  bedeutenden Künstlern des 19. Jahrhunderts ist er ins Auge gestochen. Einer von ihnen war Caspar David Friedrich, er verewigte den Tempel ebenfalls auf Leinwand. Was auch unsere Neugier weckt: Die großen Löcher in der massiven ehemaligen Stadtmauer, die zwischen Juno- und Concordia-Tempel noch erhalten geblieben ist. Der Historiker an meiner Seite weiß es natürlich: Die Mauer wurde im 4. bis 5. Jahrhundert bei der Erweiterung der frühchristlichen Katakomben als Begräbnisstätte verwendet.

 

Links und rechts ragen Hochhäuser in den Himmel, als wir mit dem Auto das Stadtzentrum von Agrigento anpeilen. Nicht gerade sehr einladend, wie wir finden, aber die Hauptstadt der Provinz Agrigent mít ihren rund 60.000 Einwohnern hat wohl eine Chance verdient. An der Piazzale Aldo Moro parken wir unser Auto und finden uns in einem undurchsichtigen System von Verkehrstafeln wieder. Ratlosigkeit macht sich bei uns breit, hier parken oder doch nicht parken? Oder wieder fahren? Die Vorstellung zu riskieren, dass unser Auto abgeschleppt wird, ist wenig verlockend, andererseits, wir sind in Süditalien – parkt hier nicht ohnehin jeder wo und wie er will? Ein älterer kleiner Mann, der an uns vorbei geht, sieht meine fragenden Blicke. Signora? Sind Sie nicht sicher, dass Sie hier stehen bleiben dürfen? Sein Italienisch ist schnell und sehr sizilianisch und ich muss mich sehr konzentrieren. Er lächelt mich an: Si, si – Sie dürfen! Schauen Sie, dort ist nur kurzes Parken möglich, hier ist Anrainerzone und Sie stehen völlig richtig! Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen… Buona Serata! Spricht´s, lächelt und ist auch schon weg. Und ja, wir sehen Agrigento gleich in einem ganz anderen Licht...

Gleich hinter der Piazzale Aldo Moro beginnt die Via Atenea, die Hauptgeschäftsstraße der Stadt. Sie führt hinein in die Altstadt mit winkeligen Gassen und vielen Treppen. Der Dom ist leider wegen Einsturzgefahr geschlossen, schade, und wir beschließen einfach so ein wenig durch die Stadt zu schlendern. Es gibt ein paar nette Boutiquen in der Via Atenea, aber sonst finden wir die Stadt nicht sonderlich aufregend. Aber dann überrascht uns die Stadt doch noch, wenn auch kulinarisch: Denn ausgerechnet hier gibt es ausgezeichnete Restaurants und so bleibt es nicht bei dem einen Besuch. Wir kommen gerne auch an den anderen Abenden, nachdem wir herrliche Stunden am Strand von San Leone verbracht haben, in die Altstadt von Agrigento zurück, um den Tag mit einem richtig guten Essen zu beschließen – im Ristorante Terracotta, gleich am Anfang der Via Atenea, in der Osteria dei Pastai gegenüber von dem Haus, in dem der sizilianische Schriftsteller Luigi Pirandello aufwuchs, oder der charmanten Osteria Ninin, die sich in einer der verwinkelten Altstadtgassen abseits der Hauptstraße versteckt.

Sie ist der Mittelpunkt Siziliens, zumindest der geografische: Die Provinzhauptstadt Enna gilt schon seit dem Mittelalter als der "Nabel" Siziliens. Da liegt sie auf einer Felskuppe, auf ca. 1.000 Metern Höhe und bietet auf Schritt und Tritt zu Stein gewordene Geschichte. In Enna waren schon die Griechen, Römer, Araber, Normannen und Staufer und sie alle haben ihre Spuren hinterlassen, architektonische Spuren, die fast alle an der Hauptstraße der Stadt, der Via Roma, liegen. Wir finden mit viel Glück einen Parkplatz in der Nähe der Kirche San Francesco di Paola, am oberen Ende der Via Roma, die wir nur entlang spazieren müssen, um die wichtigsten Bauwerke der Stadt zu sehen. Da liegen wuchtig und mächtig und mehr als 600 Jahre alt der Palazzo der auf Sizilien berühmten Familie Chiaramonte, die Kirche Santa Chiara und auch der Dom.

Sieht man dem Dom an, dass er von einer Frau gegründet wurde? Nein, wohl eher nicht, aber Eleonora, die Frau Friedrichs des II. hat trotzdem einen guten Job gemacht, wie man heute sagen würde. 1307 wurde der Dom gegründet, fiel Mitte des 15. Jahrhunderts einem Brand zum Opfer und wurde nur langsam wieder aufgebaut. Die wunderschön gearbeitete Holzkassettendecke aus dem 16. Jahrhundert, im Mittelschiff des Doms, beeindruckt uns. Überhaupt, man hat ein bisschen das Gefühl sich in einem Theater zu befinden, denn die Atmosphäre hat etwas dramatisches, theatralisches, besonders als dann mit laut hörbarem Quietschen von einem Messdiener eine Stoffbahn im Altarraum hochgezogen wird.

Für kunsthistorisch Begeisterte ist vermutlich auch die linke Apsis sehenswert, die wieder auf ihre einfache, mittelalterliche Form zurückgeführt wurde und jetzt ihr ursprüngliches Kreuzrippengewölbe zeigt. Im Gegensatz zur rechten Apsis, die mit farbenfrohen Malereien und Stuckarbeiten aus dem 18. Jahrhundert geschmückt ist. Als wir den Dom verlassen klettert eine Kindergruppe die steilen Treppen zum Hauptportal hinauf, angeleint wie bei einer Klettertour und mit ganz viel Ernsthaftigkeit im Gesicht. Wir können uns ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Es ist Mittagszeit, die Via Roma leert sich, alles flieht vor der Hitze und zieht sich hinter dicke Mauern zurück. Wir finden einen Platz in einem Cafè am Belvedere, mit einem wunderbaren Ausblick auf das Hinterland und das nahegelegene Calascibetta. Bei gutem Wetter soll man von hier aus sogar den Ätna und die Liparischen Inseln sehen können, aber heute ist es zu dunstig für einen solchen Weitblick. Wir raffen uns noch einmal auf und steigen die Via Roma wieder hinauf, bis deren Verlängerung vor dem Castello di Lombardia endet. Aus byzantinischen, normannischen und staufischen Elementen besteht die Burg, wie das so oft auf Sizilien der Fall ist. Wir sind ganz allein hier, die Sonne brennt unerbittlich herunter auf die ohnehin schon komplett ausgetrockneten Rasenflächen zwischen den Türmen und Festungsmauern. Vögel fliegen auf, als wir den Torre Pisana betreten, 95 Stufen zählt er und bietet einen guten Ausblick auf die Stadt. Von der einst sehr großen Burg ist heute nicht mehr viel zu erahnen, wir sind irgendwie ein wenig enttäuscht, aber vielleicht ist es auch einfach nur zu heiß und so treten wir den Heimweg an, um den restlichen Tag im kühlen Pool mit Ausblick auf "unseren" Juno-Tempel im Valle dei Templi zu verbringen.

Fans der Commissario Montalbano-Kriminalromane von Andrea Camilleri haben vermutlich schon mal davon gelesen: Die Scala dei Turchi an der Südküste von Sizilien, bei Realmonte in der Nähe von Agrigento. Ein strahlend weißer, an Stufen erinnernder Felsen (aus Mergel- und Gipsfelsen), in dessen Windschatten sarazenische Piraten – im sizilianischen Volksmund oft Türken genannt – bei Überfällen ihre Schiffe verankert haben sollen. Soweit eine von mehreren Theorien, woher der Name kommen soll. Monumental, denken wir uns, als wir auf dem Felsen stehen und auf das tiefblaue Meer hinunter blicken. Unwirklich fühlt es sich hier irgendwie an und dann setzen wir uns einfach mal und staunen. Vermutlich ist es eine gute Idee im Juni hierher zu kommen, denn nun verteilen sich die Besucher noch gut auf Felsen und den Strand, der daran anschließt. In der Hochsaison sieht man wohl Felsen und Strand vor lauter Menschen nicht. Aber jetzt, jetzt bleiben wir einfach mal hier und genießen diesen Tag am Meer, bevor es vorbei ist mit der Ruhe am Meer und weiter geht – nach Palermo.

Werbung aufgrund von Namensnennungen/Verlinkungen. Die Reise erfolgte auf eigene Kosten.

gut schlafen

Auch wenn vom Interior her nicht unbedingt unser Fall war, die Lage - mit Blick auf Meer und Juno-Tempel - ist unschlagbar, der Pool unter Palmen ebenfalls. Und auch die herzliche Gastfreundschaft hat uns mehr als überzeugt: B&B Doric Bed.

gut essen & trinken

Das moderne Agrigento ist für uns zwar keine Top-Destination auf der Insel, kulinarisch hat die Stadt allerdings so einiges zu bieten. Unsere Empfehlungen: Ristorante Terracotta, Osteria dei Pastai und Osteria Ninin.

Lesetipp

Wer mehr wissen will über die zahlreichen Tempel im "Valle dei Templi", der sollte den Dumont Kunst-Reiseführer Sizilien unbedingt mit dabei haben.