• Palermo (I)
    Nicht nur 2018 eine Kulturhauptstadt...

Sie ist laut, sie ist wild, sie fordert alle Sinne. Ja, ganz offen gesagt, sie überfordert mich am ersten Tag und auch noch ein wenig am zweiten Tag. Aber dann erliege ich dem Charme dieser Stadt. Palermo, eindeutig die Königin der Insel und das völlig zu Recht...

Die ersten zweieinhalb Wochen auf Sizilien sind wie im Flug vergangen: Taormina, Noto, Syracusa, Ragusa, Agrigento und Enna – wir haben wunderschöne Küstenabschnitte, bezaubernde Städte und tiefblaues Meer gesehen. Nun sind wir zurück in Palermo, wo unsere Reise begonnen hat. Die letzten Wochen haben wir teilweise an Stränden verbracht, an denen wir fast alleine waren. Damit ist jetzt Schluss. Denn Palermo platzt aus allen Nähten: Menschen, überall, Autos, Vespas und noch einmal Menschen. Palermo, du ziehst mir die Schuhe aus, denke ich am ersten Tag, als wir uns in das wilde Treiben der Stadt werfen. Eine Viertelstunde stehen wir am Straßenrand und wagen nicht die Straße zu überqueren, denn ein unablässiger Strom an Autos und Zweirädern fließt zwischen uns und der anderen Straßenseite. Unüberwindbar, zumindest empfinden wir es so. Erste Lektion in Palermo: Mutig sein und Tatsachen schaffen. Und dann wagen wir uns hinunter vom Gehsteig und finden unseren Weg zwischen hupenden Autos hindurch auf die andere Seite. 

Sie ist bunt, farbenprächtig, schillernd. Renoviertes neben Verfallenem. Neben prachtvollen Palazzi stehen immer noch Ruinen aus dem zweiten Weltkrieg. Aber egal wie verfallen manche Gebäude sind, die Stadt strahlt Würde aus. Ja, hier ist nicht alles perfekt, ja, hier fehlt es offensichtlich oft an Geld oder dem Willen, etwas zu ändern: Putz bröckelt von so mancher Fassade, auf den Gehsteigen in manchen Gassen muss man aufpassen nicht in die Löcher zu stolpern, Balkongitter rosten vor sich hin. Aber trotzdem scheint diese Stadt und mit ihr ihre BewohnerInnen zu wissen, wer sie ist. Unverfälscht und ehrlich, so empfinde ich Palermo. Und ihre Unzulänglichkeiten übertüncht sie mit Grandezza.  Vielleicht, denke ich mir, ist es eine Stadt für den zweiten Blick. 

Die ersten Stunden in Palermo lassen wir uns einfach treiben und vom Strom der Menschen, der da am späten Nachmittag eingesetzt hat, einfach mitreissen. Um am Abend erschöpft von den unzähligen Kilometern aber auch den vielen Eindrücken gegenüber von unserem B&B hungrig eine Pizza zu verschlingen und danach todmüde ins Bett zu fallen...

Das bekannte Kaufhaus La Rinascente hat in fast jeder italienischen Stadt seinen Platz an einer der besten Adressen, dazu kommt on top oft auch noch eine Dachterrasse. Eine solche bietet auch das La Rinascente in Palermo, an der Via Roma 289: Ein idealer Platz, um einen Aperitivo bei Sonnenuntergang zu genießen und das Treiben auf dem uns zu Füsse liegenden Platz San Domenico zu beobachten. Und ehrlich gesagt, tut es auch mal gut für eine Stunde vom Gewusel dieser Stadt fern zu sein. Denn das sind wir nach fast drei erholsamen Wochen an den schönsten Stränden und in kleinen Städten schon fast nicht mehr gewohnt...

An die 90 Kirchen soll es in Palermo angeblich geben. Und wenn man glaubt, dass man als Italienkennerin ohnehin schon alles gesehen hat, was es so gibt an Kirchenarchitektur und Kirchenkunst und dass vieles dann nur mehr Spielarten oder Variationen des schon Gesehenen sind, dann irrt man. Besser gesagt: Ich irre. Denn in Palermo werden diesbezüglich die Karten neu gemischt. Selten bekommt man so spannende Schmelztiegel an Kulturen und Baustilen in Kirchenbauten zu sehen, wie hier. Oder sagen wir so: Hier sind sie besonders spannend. Rote Moscheenkuppeln auf normannischen Kirchen, goldene, byzantinische Mosaiken, die mit ihrer Üppigkeit und ihrem Glanz fast blenden, arabische Schriftzüge, dazwischen Barock und auch immer wieder ein wenig Gotik, da und dort funkt auch der Klassizismus hinein. Man könnte hier wohl zwei Wochen lang Tag für Tag nur Kirchen besichtigen, die großen, bekannten, die kleinen, abgelegenen, und jene, die irgendwie schon dem Verfall geweiht zu sein scheinen. Aber wir haben nur drei Tage Zeit in Palermo und deswegen werden jene ausgewählt, die uns am faszinierendsten scheinen – darunter natürlich Klassiker wie der "Normannendom", die La Martorana und San Cataldo an der Piazza Bellini, San Giovanni degli Eremiti mit seinem bezaubernden Kreuzgang – und natürlich die Cappella Palatina im Palazzo dei Normanni sowie den Dom von Monreale oberhalb von Palermo.

Die Piazza Quattro Canti ("Vier Ecken") ist ein guter Ausgangspunkt für eine Stadtbesichtigung, denn hier kreuzen sich die einst wichtigsten Straßenzüge Palermos: Die Cassarò (heute die Via Vittorio Emanuele), die vom Normannenpalast direkt zum Hafen führt und die Via Nuova, die heute Via Maqueda heißt. Vier Ecken, vier jeweils konkav geschwungene Palastfassaden, davor jeweils ein Brunnen, darüber Skulpturen – die außergewöhnliche Piazza Quattro Canti erkennt man sofort, wenn man sie betritt.
Hinter einer der Fassaden verbirgt sich auch eine besonders außergewöhnliche Kirche, die auf jeden Fall einen Besuch wert ist: Die Basilica San Giuseppe dei Teatini (1612-1645 erbaut), die uns mit ihrem wunderschönen Kuppelfresko überzeugt hat. Besonders schön auch die Gemälde von Pietro Novelli und die Stuckmarmorausstattung. Und obwohl die gängigen Reiseführer ihr keinen Extra-Stern verliehen haben, ich finde, diese Kirche muss man gesehen haben.

Aber noch einmal kurz zurück zu den "vier Ecken": Um 1600 wurde der Schnittpunkt der ehemaligen Cassaro und der heutigen Via Maqueda zu einem achteckigen Platz ausgebaut. Hier wechseln sich nun die offenen Straßenbreiten und vier Fassaden, reich mit Ornamentik geschmückt, ab. Auf Erdgeschoss-Höhe der Gebäude befindet sich jeweils ein Brunnen, die die Allegorien der Jahreszeiten zeigen. Darüber sind Figuren spanischer Könige zu sehen. Und noch mal ein Geschoss darüber befinden sich vier Frauen, die Schutzheiligen der Stadtviertel, die herunter grüßen – und das sind Ninfa, Agata, Oliva und Christina. Den Abschluss bilden dann die Wappen jener Adelsfamilien, die in der langen Geschichte Sizilien jeweils die Vizekönige stellen durften. Jedenfalls ein Platz, an dem es sich lohnt eine Pause einzulegen und die Augen über die vier Fassaden wandern zu lassen...

An der Stelle, an der heute die Kathedrale Maria Santissima Assunta von Palermo steht, befand sich bereits im 6. Jahrhundert eine christliche Basilika – bevor sie zu einer Moschee wurde. Und dann ging es erst richtig los mit den Umbauarbeiten: In normannischer Zeit wurde hier ein Neubau errichtet, mit einer extrem lang gestreckten, dreischiffigen Kathedrale. Aber auch danach wurde die Kirche mehrmals verändert, im 14./15. Jahrhundert wurde sie im Stile der Gotik umgebaut. Und dann folgte der Klassizismus-Einfluss, Ende des 18. Jahrhunderts, und der Innenraum der Kirche wurde wieder umgestaltet, sowie eine Kuppel und ein zweites Querhaus ergänzt. Langsam könnte man da schon den Überblick verlieren...

Den Normannen-Einfluss sieht man der Kathedrale bis heute an, und zwar ganz besonders außen, an der Ostseite. Und damit überrascht es nicht, dass die Kathedrale heute oft auch als der "Normannendom" bezeichnet wird. Wer die Spuren anderer Bauperioden und kultureller Einflüsse sucht, der wird auch im Inneren fündig: Eine Säule in der gotisch-katalanischen Vorhalle stammt aus der Moschee. Ein spannender Mix an Kulturen und Baustilen.

Wer die Kathedrale besucht, der will zumeist auch die königliche Grablege des normannisch-staufischen Herrscherhauses, die reichlich monumental ausgefallen ist, besichtigen: Vier Sarkophage aus Porphyr, in denen König Roger II. (der den Dom von Cefalù gestiftet hatte), Stauferkaiser Friedrich II (gest. 1250), Heinrich VI. (gest. 1197) und die Mutter Friedrichs II., Königin Konstanze von Sizilien beigesetzt sind. Ebenfalls ein großer Anziehungspunkt ist der Domschatz: Hier zu sehen ist auch – so vermutet man - die Krone, mit der Friedrich II. im Jahr 1220 zum Kaiser gekrönt worden war und die er Konstanze mit ins Grab gegeben hatte.

Eine Piazza, drei Kirchen. Das können auch nur die Italiener, ist man geneigt zu sagen. Und dann sind auch noch zwei der drei Kirchen an der Piazza Bellini wirklich beeindruckend – denn die Chiesa di Santa Caterina, im 1566 – 1596 von Dominikanerinnen erbaut, rückt hier fast ein wenig in den Hintergrund angesichts ihrer beiden Nachbarinnen, La Martorana (Admiralskirche) und San Cataldo, die direkt nebeneinander liegen und bei denen die Handschrift arabischer Baumeister nicht zu übersehen ist. Jedenfalls scheint hier heutzutage gern geheiratet werden, denn unterschiedlichste Hochzeitsgesellschaften geben sich hier die Kirchen-Klinke in die Hand. Und wir, wir sitzen einfach da und schauen bei diesem süditalienischen Spektakel mit Genuss zu...

Aber dann sind sie weg, die Hochzeiter und wir können hinein, in die La Martorana. Gleich vorweg gesagt, die barocke Fassade ist ein bisschen eine Mogelpackung, denn Santa Maria dell´Ammiraglio, so der ursprüngliche offizielle Name dieser Kirche, hat schon einige Jahrhunderte mehr in den Gemäuern. Gestiftet wurde sie nämlich bereits 1143, von Georg von Antiochien, Großadmiral des Königsreichs Sizilien unter Roger II., übrigens ein orthodoxer Christ arabischer Sprache. Eine spannende Mischung. Und so überrascht es irgendwie nicht, dass die Liturgie hier heute wieder dem griechisch-orthodoxen unierten Ritus folgt. Aber genug der geschichtlichen Details, man sollte diese Kirche und ihre Architektur und Kunst einfach mit allen Sinnen genießen. Denn da gibt es viel zu sehen... z. B. den Zyklus von Goldmosaiken, der einer der ältesten Siziliens ist. Christus ist in der Mitte zu sehen, umgeben von vier Erzengeln. Weiters sind hier auch noch Propheten und Evangelisten zu entdecken, im Triumphbogen unübersehbar die Verkündigung. Beeindruckend jedenfalls und es lohnt sich auch bei dieser Kirche ein Blick in den Sizilien Dumont Kunst-Reiseführer, der einem einen umfassenden kunstgeschichtlichen Einblick zu La Martorana gibt.

Bei der unmittelbar benachbarten Kirche San Cataldo verliebe ich mich gleich mal in die leuchtend roten Kuppeln: Sieht man schließlich nicht oft... Auch einen Besuch des Kircheninneren sollte man nicht auslassen. Denn im Gegensatz zu La Martorana wartet hier ein schmuckloser, geradezu strenger Innenraum, ganz dem Typus des arabisch-normannischen Kubusbaus entsprechend, auf die BesucherInnen – allerdings gepaart mit einem Fußboden mit ornamentierten Intarsien und schönen Kapitellen von vier antiken Säulen. Eine spannende Mischung. Auch diese Kirche überzeugt uns mit ihrer sehr außergewöhnlichen Atmosphäre. Heute gehört die Kirche übrigens dem Orden der Ritter des Heiligen Grabes.

Palermo ist nicht leicht einzuordnen, wird mir nach dem ersten Tag klar. Wobei, einordnen, das ist ohnehin so eine Sache, die man sich auf Reisen eigentlich abgewöhnen sollte. Dennoch bekomme ich Palermo anfangs nicht so richtig zu fassen: Irgendwie wild ist sie, ungezähmt, uneitel. Auch irgendwie roh und ungestüm. Das klingt abgedroschen? Vielleicht. Aber es fällt nicht so leicht in Worte zu fassen, was man hier so sieht. Vor allem abseits der Touristenpfade, abseits der großen Sehenswürdigkeiten, die jeder auf seiner Liste hat. Wir verlieren uns am Rückweg zu unserer Unterkunft im Straßengewirr. Einmal anders abgebogen als am Weg ins Zentrum am Morgen und schon ist Palermo irgendwie noch authentischer, noch ungeschönter, noch rauer. Ja, in dieser Stadt steht das größte Opernhaus Italien und ja, die Stadt gehört seit 2015 aufgrund ihres arabisch-normannischen Kulturerbes zum UNESCO-Weltkulturerbe. Aber dann biegst du in eine Straße ein und plötzlich ragt das Hinterteil eines Pferdes aus einem Tor heraus, der Gehsteig scheint sich unter deinen Füssen in ein einziges Loch zu verwandeln und du landest plötzlich in einer komplett herunter gekommenen Gasse, die du dann lieber doch schnell wieder verlässt. Und ja, es gibt Viertel in Palermo, die sollte man eher meiden, auch wir haben das getan. Aber dennoch sollte man sich zumindest kurz mal von den Touristenpfaden entfernen, um all das zu sehen, was diese Stadt, in der sogenannten "Goldenen Muschel" (Conca d´Oro) und zu Füßen des Monte Pellegrino gelegen, ausmacht.

Hier geht es weiter mit Teil 2 der Palermo-Reportage...

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destination

Mit rund 660.000 EinwohnerInnen  (in der der Kernstadt und weiteren rund 1,2 Million Einwohnern in der Metropolregion) ist Palermo die fünftgröße Stadt Italiens und als Hauptstadt der Autonomen Region Sizilien politisches sowie kulturelles Zentrum Siziliens. Gelegen ist sie - ziemlich malerisch in der sogenannten Conca `Oro (der Goldenen Muschel) - an der Nordküste Siziliens, in einer Bucht des Tyrrhenischen Meeres. Im Norden wird die Bucht vom rund 600 Meter hohen Monte Pellegrino begrenzt, im Osten vom Monte Catalfano. Insgesamt acht Stadtbezirke zählt Palermo, diese sind ihrerseits in 34 Stadtviertel (quartieri) unterteilt.

Ihre Blütezeit erlebte die Stadt (im 8. Jhdt. v. Chr. gegründet) vor allem unter der Vorherrschaft der Araber sowie der Normannen und Staufer. Der römisch-deutsche Herrscher Friedrich II. (der aus dem Adelsgeschlecht der Staufer stammte) war ab 1198 König von Sizilien und machte Palermo zu seiner Residenzstadt. Insgesamt lebte Friedrich II. 28 Jahre in Italien.

Auf dem Luftweg erreichbar ist Palermo über den etwa 30 km nordwestlich der Stadt liegenden, internationalen Flughafen Palermo-Punta Raisi "Falcone e Borsellino", benannt nach den beiden sizilianischen Juristen bzw. Richtern, die intensiv gegen die Mafia ermittelt hatten und dafür 1992 bei Attentaten durch die Mafia mit ihrem Leben bezahlten.

gut schlafen

Amore, pane e marmellata hieß das B&B, in dem wir vier Tage lang wohnten – und ganz ehrlich gesagt: Wer braucht denn schon mehr als Liebe, Brot und Marmelade für eine gute Übernachtung? Gastgeberin Rossana jedenfalls hatte von all dem viel für uns und ist eine ausgesprochen herzliche und engagierte Gastgeberin, mit vielen guten Tipps, was man in Palermo unbedingt gesehen haben muss, und wo es am besten schmeckt.

Da wir gerne immer wieder neues ausprobieren, würden wir uns beim nächsten Palermo-Besuch vielleicht hier einquartieren:

Family Affair - Luxury Rooms und Suites heißt das Haus in der Via XX Settembre 57, das mit seinen Fotos mit den wunderschönen Fliesenböden und witzigen Tapeten sofort mein Herz erobert hat.