Triest lässt sich nicht in Schubladen stecken. Wer nach Italien reist, hat meist ein bestimmtes Bild im Kopf:
die Kanäle Venedigs, das goldene Licht über den Renaissance-Palazzi von Florenz oder die antiken Ruinen Roms. Doch wer in Triest aus dem Zug steigt, blickt erst einmal in ein anderes Gesicht. Die Stadt ist kein lautes Crescendo, sondern eine subtile Komposition – und genau in dieser Andersartigkeit liegt ihr Reiz, den ich bei vielen Besuchen für mich entdeckt habe...
Die Einzigartigkeit Triests liegt vor allem in seiner Geschichte. Über Jahrhunderte war die Stadt kein typisches italienisches Zentrum, sondern der wichtigste Hafen des Habsburgerreichs. Was sich daraus entwickelte, ist eine ungewöhnliche Mischung aus italienischer, österreichischer, slawischer und mitteleuropäischer Kultur. Triest ist damit weniger „klassisch italienisch“, als vielmehr eine kulturelle Schnittstelle zwischen Süd- und Mitteleuropa. Gerade deshalb lässt sich Triest schwer vergleichen: Es ist eine Hafenstadt an der Adria, aber keine typische mediterrane Urlaubsstadt. Es besitzt prachtvolle, neoklassizistische Gebäude, aber keine überwältigende Dichte an weltberühmten Monumenten wie andere italienische Städte. Die Atmosphäre ist ruhiger, manchmal sogar ein wenig melancholisch – vor allem wenn im Winter die Bora, der berüchtigte Fallwind, mit großer Wucht durch die Straßen fegt, spürt man die Rauheit einer Grenzstadt, die irgendwie immer noch ein bisschen zwischen den Welten steht. Und ja, letzteres klingt jetzt fast ein bisschen literarisch, aber auch das passt ja zu Triest, das auch die Stadt der Literaten war. An vielen Stellen begegnet man immer noch James Joyce oder Italo Svevo, die hier ihre Inspiration fanden.
Manche Besucher:innen sind nach ihrem Triest-Besuch ein wenig enttäuscht: Sie kommen mitunter mit der Erwartung eines typisch italienischen Reiseziels – enge Gassen voller Sehenswürdigkeiten, große historische Highlights oder eine stark touristische Atmosphäre. Stattdessen finden sie eine Stadt, die auf den ersten Blick eher alltäglich wirkt, mit modernen Vierteln, Hafenanlagen und einer zurückhaltenden, eleganten historischen Schönheit. Aber Achtung: Wer nur nach spektakulären Attraktionen sucht, übersieht leicht den eigentlichen Reiz dieser Stadt.
Gerade darin liegt jedoch das Besondere von Triest. Es ist eine Stadt, die sich nicht sofort aufdrängt. Ihr Charme zeigt sich langsamer – in den Kaffeehäusern, in der Mischung der Kulturen, im Blick vom Meer auf die weißen Fassades der Stadt und in ihrer Geschichte als Brücke zwischen Italien und Mitteleuropa. Wer nur auf der Jagd nach dem nächsten spektakulären Instagram-Spot ist, wird den wahren Kern Triests vermutlich übersehen. Für mich steht fest: Triest belohnt vor allem diejenigen, die bereit sind, genauer hinzusehen.
Der Salon der Stadt: Die Piazza dell`Unità d`Italia
Sie ist ein bisschen das Herzstück, das Wohnzimmer der Stadt: Die Piazza dell`Unità d`Italia. Deswegen beginnt mein virtueller Spaziergang durch Triest auch genau hier. Ursprünglich lag das Zentrum Triests ja auf dem Hügel San Giusto, im Mittelalter verlegten es die Triestiner aber hinunter, ans Meer. Hier schütteten sie das alte römische Hafenbecken zu, um einen neuen Marktplatz zu schaffen. Was man heute nicht ahnen würde: Die Piazza war einige Jahrhunderte lang kleiner als heute und – der große Unterschied – zum Meer hin geschlossen. Im frühen 19. Jahrhundert folgte dann ein radikaler Schritt: Fast alle älteren Gebäude wurden niedergerissen – darunter die Loggia des alten Rathauses, das Theater, der Uhrturm und einiges mehr. Es wurde Platz geschaffen, um das zu errichten, was man heute hier sieht: Jene monumentalen Repräsentationsbauten, errichtet im Stil des Klassizismus und Historismus –, die heute eindrucksvoll die Piazza einfassen. Hier, auf beeindruckenden 16.000 Quadratmetern sollte vor allem repräsentiert werden…
Wir haben die Piazza dell`Unità d`Italia bei unseren zahlreichen Triest-Aufenthalten schon ganz unterschiedlich erlebt: Geflutet von (Kreuzfahrschiff-)Tourist:innen, ganz leer frühmorgens oder nachts, bei Sonnenuntergang in herrliches Abendlicht getaucht (definitiv am allerschönsten!), bei strömendem Regen und von dicken, grauen Wolken dominiert, im gleißenden Sonnenlicht, das die wunderschönen Gebäude ringsum so richtig plastisch hervortreten lässt, mit Kunstinstallation und ohne Kunstinstallation, usw.… So oder so: Die Piazza gilt als einer der schönsten Plätze Italiens und das sehen wir auch so, auch wenn wir schon viele andere beeindruckend schöne Plätze in unserem Lieblingsreiseland gesehen haben. Und: Die Piazza ist angeblich die größte in Europa, die direkt am Meer liegt. Und das glaube ich jetzt einfach mal so, denn ihre Ausmaße sind wirklich bemerkenswert.
Wer die Chance hat, den Platz in aller Ruhe abzuschreiten, der sollte das auch unbedingt tun, denn die umgebenden Palazzi sind es wert ein bisschen genauer in Augenschein genommen zu werden. Steht man mit dem Rücken zum Meer, dann sieht man gleich links vorne den mächtigen Palazzo della Luogotenenza Austriaca (Österreichische Statthalterei) oder Palazzo della Prefettura, der auch aufgrund der schönen Mosaiken an der Fassade gleich ins Auge sticht. Gleich daneben der Palazzo Stratti, in der späten Phase des Klassizismus errichtet, in dem sich das berühmte, heute völlig renovierte, Caffè degli Specchi befindet: Nirgendwo anders in Triest kann man seinen Kaffee mit einem solchen Ausblick genießen, auf die Piazza und das rege Treiben darauf. Rechts daneben der Palazzo Modello: Sein Name verrät es schon, dieser Palazzo sollte anderen Architekten als Modell dienen für die neue Gestaltung der Stadt.
Auf der anderen Seite des Platzes, gleich ganz vorne rechts, steht der schöne Palazzo del Lloyd Triestino, in dem einst die Reederei Lloyd Triestino di Navigazione ihren Sitz hatte, und der zu den späteren Bauten an der Piazza zählt – entworfen übrigens vom österreichischen Architekten Heinrich Ferstel. Heute befinden sich darin die Büros der Präsidentschaft der Verwaltung der Region Friaul-Julisch Venetien. Danach folgt das berühmte Hotel Duchi d`Aosta, in dem schon zahlreiche, berühmte Persönlichkeiten eine Nacht verbracht haben sollen. So zum Beispiel Maria Magdalena von Österreich, die hier auf dem Weg zu ihrer Hochzeit mit einem Medici-Angehörigen in Florenz 1608 Pause machte. Oder die Infantin von Spanien, Maria Anna: Sie legte hier ebenfalls einen Stopp ein, auf dem Weg nach Wien, wo sie Ferdinand III. von Habsburg heiratete. Wir haben im Duchi d`Aosta zwar nicht übernachtet, aber hier schon mal gefrühstückt, im Gastgarten auf der Piazza, mit Ausblick und Köstlichkeiten vom üppigen Frühstücksbuffet. Gleich hinter dem Hotel folgt dann der Palazzo Pitteri, im 18. Jahrhundert (1780) errichtet und damit das älteste, noch bestehende Gebäude an der Piazza. Blickt man an die Stirnseite des Platzes, dann sieht man dort den Palazzo del Municipio, mit prächtiger Fassade und einem großen Brunnen davor.
Triest, das ist auch die Stadt der Statuen, den davon findet man hier einige. Ganz oben auf meiner Bestenliste stehen dabei die beiden Näherinnen (Le ragazze di Trieste), die am Kai sitzen und fleißig an der italienischen Flagge, der Trikolore, nähen. Wie sie da sitzen, mit Blick auf´s weite Meer und dem Wind trotzen, das hat sie irgendwie zu meinen Lieblingen gemacht, die ich immer wieder besuchen muss - auch wegen des schönen, unverstellten Ausblicks auf den Golf von Triest, den von dieser Stelle aus hat. Nicht weit davon entfernt kann man die Statue eines Bersagliere nicht übersehen: Er schwingt eine Fahne und erinnert daran, dass hier im November 1918 Truppen an Land gingen und Triest wieder für Italien in Besitz nahmen.
Besonders gerne statte ich immer wieder James Joyce, der beim Canal Grande steht, einen Besuch ab. Wobei er eigentlich nicht steht, sondern angeblich über die Ponte Rosso spaziert. Die lebensgroße Bronze-Statue wurde 2004 aufgestellt und erinnert an den irischen Schriftsteller, der in die Stadt kam, um an der Berlitz School Englisch zu unterrichten, die gleich an der Piazza Ponterosso lag. Joyce ist also quasi am Weg zur Arbeit…
Der kleine große Kanal von Triest
Und damit sind wir auch schon beim Canal Grande, der, entgegen seinem Namen, mit seinen rund 370 Metern Länge eigentlich eher piccolo ist, zumindest, wenn man ihn mit seinem Namensvetter in Venedig vergleicht. Aber egal: Schön ist er dennoch, und das eigentlich bei jeder Wetterstimmung und jeder Tageszeit. Das stehende Gewässer, das direkt mit der Adria verbunden ist, wurde künstlich angelegt – und erinnert auch an die Herrschaft der Habsburger über Triest. Unter dem Habsburger Karl VI. entwickelte sich Triest wirtschaftlich stark und so wurde auch im Hafen – der 1719 zum Freihafen erhoben worden war – Platz bald ein rares Gut. Kaiserin Maria Theresia, die Tochter von Karl VI., und ihr Team hatten schließlich die zündende Idee: Die Salinen, die man nicht mehr benötigte, sollten trockengelegt werden, und dann würde man, wie auch in so vielen norddeutschen Städten, ein Netz von schiffbaren Kanälen schaffen, umrahmt von Geschäfts- und Lagerhäusern. Und so entstand er dann, der Canale Grande, zwischen 1754 und 1766. Ein ganzes Netz an Kanälen war geplant, aber es blieb dann bei dem einen Kanal. Statt der Kanäle entstanden dann rechtwinkelig angelegte Straßen, die bis heute so erhalten sind. Das Stadtviertel, das solcherart gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstand (auch schon unter dem Einfluss von Maria Theresias Sohn Joseph II.), mit Geschäfts- und Wohnhäusern und auch einigen Kirchen, wurde dann auch nach der österreichischen Kaiserin benannt: „Borgo Teresiano“.
Steht man am Canal Grande und blickt nicht Richtung Meer, sondern in die entgegengesetzte Richtung, dann sieht man die Chiesa Sant`Antonio Taumaturgo, mit streng klassizistischer Fassade, und einem Vorbau, der an einen griechischen Tempel erinnert.
In unmittelbarer Nähe steht die serbisch-orthodoxe Kirche San Spiridone aus dem 19. Jahrhundert, in prächtigem neobyzantinischem Stil und mit fünf blauen Kuppeln ausgestattet. Es lohnt sich auch einen Blick hinein zu werfen, der Eingang befindet sich in einem Nebenanbau in der Via San Spiridone. Bevor man hineingeht am besten noch den Blick nach oben richten: Über dem Hauptportal befindet sich ein Mosaik mit der Darstellung des hl. Spyridon, wiederum darüber eine Reihe von Heiligenstatuen. Das schöne Mosaik über dem Relief zeigt dann auch noch die vier Evangelisten.
Blaue Stunde und berauschende Sonnenuntergänge: Erste Reihe fußfrei am Molo Audace
Es ist schon ein bisschen eine Art kleine Tradition für uns geworden: Vor dem Abendessen noch ein abendlicher Spaziergang zur Molo Audace, einem Kai am Meer, der an sich nichts Besonderes bietet, außer dass er rund 200 Meter lang ins Meer hineinragt, wie ein langer Finger. Aber: Was für einen Ausblick hat man hier – auf die im Licht des Sonnenuntergangs so wunderschön leuchtende Stadt, oder ein wenig später, auf das nächtlich glitzernde Triest und auf das Meer sowieso. Und dann erst zur blauen Stunde... Ganz ruhig ist es hier draußen meist, obwohl so einige Spaziergänger:innen unterwegs sind und wir stehen einfach und schauen und genießen. Best place to be, zumindest für uns.
Apropos: Von hier aus hat man auch einen tollen Ausblick auf den sich weit ausdehnenden Palazzo Carciotti im Borgo Teresiano, ein Paradebeispiel des Klassizismus, sowie auf den ersten Wolkenkratzer Triests, der Palazzo Aedes.
Und dann gleich noch ein Tipp: Auch von der Molo Venezia – und im speziellen der Bar Pier the Roof – hat man eine großartige Aussicht auf Yachthafen, Meer und Stadt und das bei jeder Tageszeit. Am schönsten natürlich: Ganz entspannt bei einem abendlichen Spritz im Pier the Roof dessen Orange mit dem Orange des Sonneuntergangs und der Segel der Segelboote vergleichen...
Hier geht es weiter mit dem Spaziergang durch Triest: Teil 2 des Triest-Beitrags.
NOCH MEHR TRIEST GIBT ES HIER:
Triest mit den Augen einer Stadt-Insiderin sehen? In diesem Blog-Beitrag gibt es jede Menge Tipps von Daniela, die seit über 30 Jahren in Triest lebt und ein sehr lässiges Ferienappartment vermietet.
Badevergnügen in Triest? Aber ja! Und zwar hier!
Gut essen und trinken in Triest: hier kommen meine persönlichen Tipps!
Meine persönlichen Hotelempfehlungen (die unbeauftragt und unbezahlt entstanden sind):
Mit atemberaubendem Blick auf den Golf von Triest übernachten: Das Hotel Savoia Excelsior Palace Trieste.
Üppige Grandezza gepaart mit modernem, italienischem Design im Hotel DoubleTree by Hilton.
Nur einen Katzensprung entfernt von der Piazza dell`Unità d`Italia übernachten: Hotel und Aparthotel Vis à Vis.
Aus dem Bungalow-Zimmer in zwei Minuten ins Meer: Tre Merli Beach Hotel.