Ein Spaziergang durch das wunderbare Udine im Nordosten Italiens: Von der Piazza I. Maggio ging es bei Teil 1 des Spaziergangs durch die Via Mercatovecchio zur Piazza Libertà mit dem wunderschönen, venezianisch angehauchten Palazzo Communale, danach gab es Tiepolo-Gemälde im Duomo di Santa Maria Annunziata zu bestaunen. Dann ein Aperitivo auf der schönen Piazza Giacomo Matteotti, dem Salon der Stadt, und nun stehen wir vor einem weiteren Highlight: Dem erzbischöflichem Palais, dem Palazzo Arcivescovile mit dem Museo Diocesano e Gallerie del Tiepolo. Und von dort geht es dann in ein Stadtviertel, das ich ganz besonders mag...
Bei Teil 2 des Spaziergangs peilen wir noch ein weiteres Kultur-Highlight an: Von der Piazza Matteotti geht es zurück Richtung Piazza della Libertà und von dort durch die Via Daniele Manin durch die schön erhaltene Porta Manin (Stadttor) zum Giardino Arcivescovile und dem gegenüber liegenden Palazzo Arcivescovile (Erzbischöfliches Palais).
Der aus dem 18. Jahrhundert stammende Palast, dessen Ursprünge auf das 15. Jahrhundert zurückgehen, war von 1593 bis 1751 der Wohnsitz der Patriarchen von Aquileia und ist nun Wohnsitz des Erzbischofs. Seit 1995 sind hier das Museo Diocesano (Diözesanmuseum) und die Gallerie del Tiepolo untergebracht. Die Sammlung umfasst etwa 700 Werke, darunter Fresken von Giambattista Tiepolo aus dem 18. Jahrhundert, der im Auftrag des damaligen Patriarchen Dionisio Dolfin die Decke des Scalone d' onore (Ehrentreppe), die Galleria degli ospiti (Besuchergalerie) und die Sala rossa (Roter Saal) schmückte.
Ein bisschen muss man sich schon den Hals verrenken, wenn man die Prunktreppe hinaufsteigt und zugleich Tiepolos Werke an der Decke bewundern will: Da stürzen die Engel förmlich auf einen herunter. Eindrücke, die man erst mal verarbeiten muss. Auch in der Tiepolo-Gästegalerie ist man erst mal überwältigt von dem, was man hier zu sehen bekommt: Der 1727/28 enstandene Freskenzyklus, der acht Szenen aus dem Alten Testament zeigt, überfordert das Auge fast.
1729 gestaltete Tiepolo auch die Decke der Sala rossa mit einem Fresko, das "Il Giudizio di Salomone" (Das Urteil Salomons) zeigt; sehr eindrücklich stellt Tiepolo den farbenfrohen Hof des Königs und die dramatische Szene der Bedrohung durch einen Schergen dar.
Ebenfalls sehenswert sind die in der Galleria gezeigten Werke von Giovanni da Udine, Palma il Giovane, etc. Spannend auch die Holzskulpturen (aus dem 12. bis zum 18. Jahrhundert), denen eine komplette Etage des Museums gewidmet ist. Von großer künstlerischer Bedeutung ist auch die Bibliothek des Patriarchen Delfino, die erste öffentliche Bibliothek in Udine, in der tausende kostbare Bücher bewahrt werden, darunter Miniaturmanuskripte, Inkunabeln und seltene Erstausgaben. Auch hier lohnt es sich den Kopf in den Nacken zu legen: Das Deckenfresko "Triumph der göttlichen Weisheit" des venezianischen Malers Nicolò Bambini dominiert diesen Raum geradezu.
Auf der Piazza Matteotti waren wir schon bei Teil 1 unseres Spaziergangs. Jetzt kehren wir dorthin zurück – und verlassen das Wohnzimmer der Stadt auch prompt gleich wieder. Denn durch die Galleria Bardelli geht es zur Via Antonio Zanon, wo ein besonders hübsches und lebhaftes Viertel seinen Anfang nimmt. Davor aber lohnt es sich durchaus noch einen Espresso zu nehmen, etwa im Bottega del Caffè, mit Blick auf das üppige Blumenangebot des wunderschönen Blumenladens Fiori di città.
Nun aber geht es weiter: Wir halten uns nun rechts, vorbei an dem Blumengeschäft. Auf der anderen Straßenseite reihen sich schöne Gebäude wie z. B. der Palazzo Lovaria und der Palazzo Sbruglio aneinander, auf deren Fassaden das Sonnenlicht zu bestimmten Tageszeiten förmlich tanzt. Wenig später landet man beim mächtigen Torre di Santa Maria, der 1925 als Teil des vierten Stadtmauer-Rings errichtet wurde. Heute wird er nach einer umfassenden Restaurierung als Ausstellungsräumlichkeit sowie Veranstaltungsort genutzt.
Und hier sind wir, in einem besonders lebendigen Quartier zwischen Largo del Pecile, Via dei Torriani, Via Jacopo Marinoni und Via Cecilia Deganutti, das zu erkunden sich durchaus lohnt. Zum einen reihen sich hier einige Restaurants, Cafés und Bars aneinander: Nirgendwo anders in Udine schmeckt das Cornetto alla crema so üppig und gut wie im Caffè Beltrame (Largo del Pecil, 7), wobei die Entscheidung dafür angesichts der riesigen und sehr verführerischen Auswahl nicht leicht fällt. Nur ein paar Meter entfernt die Bar Dai Fioi, die für Nachtschwärmer ein beliebter Treffpunkt ist.
An der Ecke der Via dei Torriani und der Via Jacopo Marinoni steht der elegante Palazzo Torriani-Manin mit einem beeindruckend mächtigen Eingangstor. Gleich rechts davon dann die Cappella Manin, 1725 im Auftrag des Grafen Ludovico Manin von Architekt Domenico Rossi erbaut, unübersehbar im Barockstil. Über dem Altar zu sehen: die Madonna Col Bambino, ein schönes Werk von Giusepppe Torretti, das man allerdings nur mit ein bisschen Glück zu sehen bekommt, denn meist ist die Kapelle leider geschlossen. Auch hübsche kleine Geschäfte, von Weinläden über Interiorshops bis hin zu Buchläden, findet man in diesem Viertel, wie z. B. den kleinen Concept Store Catalina (Via Cecilia Deganutti 7), der sich auf Wohnaccessoires, nachhaltiges Design, hochwertige Schreibwaren sowie ausgewählte Vintage-Artikel spezialisiert hat. Ein weiterer beliebter kulinarischer Hotspot in diesem Viertel ist die Osteria Leon d`Oro (Via dei Rizzani, 2): Nachts steppt hier sprichwörtlich der Bär.
Der Palazzo Florio, mit ungewöhnlicher Architektur und spannender Geschichte
Weiter geht es durch die Via Giovanni Cosattini, vorbei an Caffès und hübschen Geschäften wie z. B. an der lässigen Damen-Boutique Anny M., bis man sich rechts hält und in die Via Giuseppe Mazzini einbiegt. An deren Ende, gleich am Anfang der Via Palladio (Nr. 8) liegt der Palazzo Florio, einer der bedeutendsten historischen Stadtpaläste in Udine, in dem sich heute der Sitz der zentralen Verwaltung der Università degli Studi di Udine befindet. Errichtet wurde er ab 1763 von den Grafen Florio. Das Gebäude entstand auf dem Gelände mehrerer älterer Häuser, die die Familie erworben hatte, um ihren Besitz zu erweitern.
Eine besondere historische Bedeutung erhielt der Palazzo im Jahr 1797: Während der Verhandlungen zwischen dem französischen Heer unter Napoleon Bonaparte und den österreichischen Vertretern diente das Gebäude als Residenz des österreichischen Diplomaten Johann Ludwig von Cobenzl. Die Gespräche standen im Zusammenhang mit den Friedensverhandlungen nach Napoleons Italienfeldzug.
Optisch unterscheidet sich der Palazzo stark von vielen venezianisch geprägten Stadtpalästen im Friaul: Statt eines einfachen Hauptkörpers besitzt er eine U-förmige beziehungsweise C-förmige Anlage mit zwei Seitenflügeln, die einen großzügigen Innenhof umschließen. Diese Anordnung erinnert eher an französische Stadtresidenzen oder an die Architektur Wiens des 18. Jahrhunderts. Der größte kulturelle Schatz des Palazzo ist die historische Biblioteca Florio: Sie wurde im 18. Jahrhundert von Francesco und Daniele Florio aufgebaut und zählt heute zu den wertvollsten Privatbibliotheken Norditaliens. Die Sammlung umfasst mehr als 15.000 Bücher, Manuskripte, Zeitschriften und Drucke aus dem 15. bis 20. Jahrhundert. Besonders sehenswert sind die originalen Holzregale des 18. Jahrhunderts, die historische Bibliothekssaalanlage und der berühmte „Codice Florio“, eine mittelalterliche Handschrift der Divina Commedia („Die göttliche Komödie“ von Dante Alighieri). 2013 schenkte der letzte Erbe der Familie, Attilio Maseri, die Bibliothek samt Originalregalen und Teilen der Kunstsammlung der Universität Udine. Besucht werden kann die Bibliothek nur nach Voranmeldung. Attilio Maseri, einem renommierten Herzspezialisten, werden wir übrigens auch kurz später wieder begegnen, bei einem weiteren Palazzo...
Palazzo Antonini-Cernazai: Zwischen Adel und Universität
Fast schräg gegenüber (Via Tarcisio Petracco 8) liegt der Palazzo Antonini-Cernazai, bei dem mir als erstes das massive, imposante Tor ins Auge sticht. Auch dieser ehemalige Adelspalast – der einst der einflussreichen Familie Antonini gehörte, von dieser gegen Ende des 16. Jahrhunderts errichtet wurde und der einer von vier großen Antonini-Palästen in Udine ist – wird heute von der Universität Udine (geisteswissenschaftliche Fächer) genutzt. In den 1820er Jahren war der Palast an die Familie Cernazai gegangen, daher auch der heutige Name.
Besonders auffällig ist die Rustika-Fassade (italienisch: Bugnato) des Gebäudes im Erdgeschoss (weswegen der Palazzo oft auch „Palazzo del Bugnato“ genannt wird), bei der die Steine oder Steinquader bewusst grob oder plastisch hervortreten und einen starken Licht- und Schatteneffekt bewirken – was dem Palazzo einen Eindruck von besonderer Stärke, Würde und Repräsentation verleihen sollte. Im Gegensatz dazu zeigt die Fassade der oberen Stockwerke des Palazzo Antonini-Cernazai elegante Fenster und Dekorationen, ein typisches Gestaltungsmittel der Renaissance. Diese Art der Rustika-Fassadengestaltung stammt aus der antiken römischen Architektur, wurde in der Renaissance aber wieder beliebt. Besonders in italienischen Stadtpalästen des 15. und 16. Jahrhunderts setzten Adelsfamilien auf diese Art der Fassaden-Gestaltung, um Macht und Wohlstand zu demonstrieren.
Palazzo Antonini-Maseri: Ein weiteres Meisterwerk des Renaissance-Architekten Andrea Palladio
Dort, wo die Via Tarcisio Petrarcco in die Via Gemona mündet, steht rechterhand unübersehbar der Palazzo Antonini-Maseri (Via Gemona 5): Er gilt als eines der bedeutendsten Renaissancegebäude Udines und ist das wichtigste Werk des berühmten Renaissance-Architekten Andrea Palladio, um 1556 von dem Adligen Floriano Antonini in Auftrag gegeben. Palladio veröffentlichte den Palazzo später in seinem berühmten Werk „I quattro libri dell'architettura“ als Beispiel eines Stadtpalastes. Apropos: Dieser Palazzo ist einer der wenigen Stadtpaläste Palladios, der außerhalb Venetiens liegt. Und Überraschung: Auch dieses Gebäude gehört heute der Universität Udine.
Was diesen Palazzo so besonders macht: Palladio kombinierte hierbei Elemente einer Stadtresidenz mit denen einer Villa. Wenig überraschend: der für Palladio so typische symmetrische Grundriss mit einem zentralen „Saal der vier Säulen“. Weiters verfügt der Palazzo über offene Loggien zur Straßen- als auch zur Gartenseite. Gleich ins Auge springen einem die ionischen Halbsäulen an der Fassade. Alle Elemente des ursprünglichen Palladio-Baus blieben über die Jahrhunderte jedoch nicht erhalten: Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Fenster, Treppen und Teile der Innenräume umgebaut und um 1818 entstanden klassizistische Fresken von Odorico Politi.
2018 erwarb der international bekannte Kardiologe Attilio Maseri – er war wie zuvor erwähnt auch der Eigentümer der Biblioteca Florio, die er der Universität Udine schenkte – den gesamten Komplex und übergab ihn anschließend der Universität Udine. Seitdem trägt das Gebäude offiziell den Namen „Palazzo Antonini-Maseri“. Dadurch sind heute die beiden bedeutendsten historischen Paläste der Universität Udine – Palazzo Florio und Palazzo Antonini-Maseri – eng mit seinem Namen verbunden.
Was man heute nicht ahnt: Ursprünglich war der Palazzo von großzügigen Gärten umgeben, da der Bau damals am Rand der Stadt lag. Auch heute noch grenzt ein weitläufiger Park an das Gebäude, der Parco Antonini-Maseri. In diesem steht bis heute einer der ersten in Italien gepflanzten California Redwood-Bäume (Mammutbaum), der 1867 gepflanzt worden war. Der rund 3.000 Quadratmeter große Park soll künftig (Stand 2026) für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. (Auf den folgenden Fotos sieht man den Palazzo sowohl von der Straßenseite als auch von der Parkseite aus.)
Beeindruckend schöne historische Wohnhäuser in der Via Liruti
Und dann lohnt sich noch ein Abstecher in die relativ kurze Via Liruti, die an die Giardini Loris Fortuna grenzt und ganz in der Nähe der Piazza I Maggio liegt und in welcher mehrere Stadtpaläste und historische Wohnhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert erhalten sind. Besonders beeindruckend ist die Straße, wenn im Frühling (vor allem im April) die Bäume in dieser Straße farbenprächtig blühen. Dann buhlen Hausfassaden und Blütenpracht darum, wer mehr Beachtung findet. An der Ecke zur Viale della Vittoria (Via Liruti 2-4) fällt besonders der historische (denkmalgeschützte) Palazzo Liruti ins Auge, der vermutlich gegen Ende des 18. Jahrhunderts erbaut wurde. Betrachtet man ihn näher, sieht man, dass er sehr typische Merkmale eines friulanischen Stadtpalastes aufweist: ein schlichtes, steingerahmtes Hauptportal, eine sehr schöne, zentrale Dreifenstergruppe im Piano nobile und Fenster mit vorspringenden Rahmungen. Der Name der ehemaligen friulanischen Besitzerfamilie Liruti blieb so eng mit diesem Gebäude verbunden, sodass es bis heute als Palazzo Liruti bezeichnet wird.
Zum Schluss noch ein paar Shopping-Tipps...
Gleich warnend vorweggesagt: Udine macht es einem leicht, zu leicht – nämlich Geld auszugeben. Eine Boutique reiht sich an die nächste und es gibt eine große Auswahl abseits gängiger internationaler Ketten. Fans außergewöhnlicher Wohn-Accessoires und Möbel werden mit Sicherheit in meinem Wohndesign-Lieblingsgeschäft in Udine fündig, bei Cumini-Emporio (Via Porta Nuova 13). Hinter der Geschäftsfassade in warmen Orange- und Rot-Tönen verbirgt sich ein kleines Paradies an gut kuratierten Must-haves internationaler wie auch italienischer Labels.
Weiters ist z. B. das Schuhgeschäft Al Principe Calzature ein wahres Paradies für alle Schuh-Afficionados (Via Mercatovecchio 29). Lässige Damen-Mode, wenn auch zu nicht gerade kleinen Preisen, findet man bei Cumini City Woman + Accessori (Via Mercatovecchio 18). Lässige Damenmode und Accesssoires gibt es im lässigen Concept Store Anny M. (Via Giovanni Cosattini 30).
Zwei Geschäften im Stadtzentrum sollte man auf jeden Fall einen Besuch abstatten: Das eine, die Cappelleria Zagolin (ein Hutgeschäft), liegt ebenfalls in der Via Mercatovecchio (Nr. 3). Das Geschäft ist eine wahre Institution in Udine: Denn seit fast 200 Jahren wandern in diesem Laden, der sich in einem denkmalgeschützten Gebäude befindet und fast ein bisschen museal anmutet, hochwertige Hüte über die Budel. Wobei, einen Hut muss man ja nicht unbedingt kaufen, im Angebot hat das Zagolin auch Handschuhe und diverse Accessoires, vieles klassisch, aber auch vieles davon überraschend modern.
Unbestritten eines der schönsten Geschäftsportale hat die Profumeria Regina di Saba (die mittlerweile anscheinend mittlerweile geschlossen ist) und schon allein deswegen sollte man einen Abstecher in die Via Cavour (Nr. 17a) machen.
Am Schluss noch ein Tipp für ein Geschäft, an dem man nicht unbedingt vorbei kommt, liegt es doch etwas verborgen in einer kleinen Gasse (Vicolo della Banca, von der Porta Nuova kommend): Im Temporary Permanent findet man ein kleines, aber feines und sich ständig weiterentwickelndes Angebot an Illustrationen, Fotografien, Kunstobjekten, (Wohn-)Design-Gegenständen, etc. Originalwerke und Unikate, limitierte Auflagen warten hier auf Sammler, Design-Liebhaber und Neugierige. Mich erinnert jeden Tag eine dort erworbene Schwarz-Weiß-Fotografie an der Wand unseres Vorzimmers an meine Lieblingsstadt im Norden Italiens…
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