Wir sind zurück im Salento, Apuliens südlicher Halbinsel im äußersten Südosten Italiens – wo
wir längst noch nicht alles gesehen haben. Zwischen gleich zwei Meeren gelegen, nämlich der Adria im Osten und dem Ionischen Meer im Westen, warten neben wunderschönen Küstenabschnitten auch zahlreiche kunsthistorische Highlights auf Reisende. Und so stehen dieses Mal neben Otranto und Lecce, die jedenfalls einen zweiten Besuch wert sind, auch die schönen Städtchen Galatina und Gallipoli – letzteres liegt malerisch am Ionischen Meer – am Programm…
Eigentlich dachte ich, dass ich in Otranto ja schon so ziemlich alles Sehenswerte gesehen hatte bei meiner letzten Apulienreise, allem voran den wirklich beeindruckenden Dom von Otranto. Aber so kann man sich täuschen: Denn in dem hübschen Städtchen, das am südlichen Ende der apulischen Adria-Küste liegt, gibt es noch einiges mehr zu sehen, wie ich bei einem neuerlichen Besuch feststelle. Aber zuerst schleppe ich meinen Mann, der noch nicht in Otranto war, gleich mal in die Kathedrale Santa Annunziata, deren Boden komplett von Mosaiken bedeckt ist. Und diese beeindrucken mich noch immer… (wer mehr dazu wissen will, liest am besten kurz in meinem Blog-Beitrag von 2019 nach).
Beim letzten Besuch war die Krypta der Kathedrale Santa Annunziata geflutet von Besucher:innen, also versuchen wir es nun ein weiteres Mal. Und siehe da, nun gehört sie fast uns alleine. Dieses Mal nehme ich erst so richtig diesen Dschungel von insgesamt 42 Säulen wahr, allesamt höchst unterschiedlich, glatt oder auch mit schönen Ornamenten versehen, und mit korinthischen, dorischen oder romanischen Kapitellen ausgestattet. Von Säule zu Säule wandern wir durch diese beeindruckende Hallenkrypta, die eine erstaunlich niedrige Decke hat und die bereits im 11. Jahrhundert fertiggestellt worden war. Dass sie auf den Resten eines antiken Tempels errichtet wurde, das erahnt man hier nicht.
Weiter geht es ins Stadtzentrum hinein, denn wir wollen nun die Chiesa di San Pietro sehen, die einzige byzantinische Kreuzkuppelkirche Apuliens. Fast auf die letzte Minute schaffen wir es noch ins Kircheninnere zu kommen: Die freundliche Dame an der Kassa lässt uns noch ein und sogar ausgiebig Zeit das Innere zu bestaunen, obwohl sie eigentlich schon schließen müsste. Und so bleibt uns genug Zeit dieses kleine Juwel aus der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts, das vermutlich einst die Hauptkirche Otrantos war, zu erkunden, was aufgrund der vielen gut erhaltenen Fresken (aus dem 11.- 14. Jahrhundert) im byzantinischen Stil mehr als lohnenswert ist. Zu sehen sind hier z.B. die "Fußwaschung" und "Das letzte Abendmahl". Otranto selbst wird aufgrund seiner geografischen Lage ja oft als "Tor zum Orient" bezeichnet und ja, das wird einem hier, in dieser kleinen Kirche, noch einmal mehr bewusst. Mein Fazit: Von den Ausmaßen her eine kleine Kirche, aber ganz großes Fresken-Kino!
Nach diesem schnellen Kultur-Rundgang, der einem langen Badetag (am Lido di Tropea) folgte, haben wir uns nun einen Aperitivo und eine Kleinigkeit zum Essen verdient. Fündig werden wir in der Bar Castello (Piazza Castello, 8): Campari und Aperol Sprizz leuchten um die Wette im Abendlicht und meine Tacos mit Huhn sind köstlich – ottimo!
So ganz können wir uns auch danach noch nicht von Otranto lösen: Vorbei am mächtigen Castello geht es auf die Stadtmauern, und hätten wir nicht schon einen Aperitif genommen, dann würden wir hier definitiv einkehren, in der Lounge Bar Spinnaker. Gleich daneben lohnt sich von der Aussichtsplattform ein Blick auf Hafen, Meer und Himmel. Letzterer wirft sich so richtig ins Zeug und zeigt was er kann, nämlich Zuckerl-pastellfarben. Ewig könnte man hier stehen und den Punkt suchen, wo das himmelblaue Meer in den Abendhimmel übergeht. Aber wir reißen uns dann doch los und flanieren im schönsten Abendlicht entlang der Stadtmauer (wo sich so manches Restaurant befindet, mit schönen Ausblicken) zurück Richtung Parkplatz. Ach Otranto, du hast mir einmal mehr richtig gut gefallen…
Galatina: Stadt der Fresken und Palazzi...
Berühmte Fresken sind es vorderhand, die uns in die 25.000-Einwohner:innen-Stadt Galatina ziehen. Aber dann machen wir uns erst einmal auf in das Gassengewirr dieser hübschen kleinen Stadt, die im Landesinneren und rund 20 Kilometer südlich von Lecce liegt. Großteils bereits liebevoll und aufwändig saniert sind hier die meisten Häuser in der Altstadt, an einigen wird gerade intensiv gearbeitet. Helle, vielfach farbige Fassaden, zahlreiche mächtige Palazzi, eindrucksvoll geschmückte Torbögen, hübsche Innenhöfe – hier hat das Auge gut zu tun. Restaurants und Cafès, dazwischen hübsche Geschäfte, die Altstadt wirkt lebendig und anziehend, auch wenn hier an diesem frühen und doch schon heißen Juni-Vormittag noch wenige Menschen unterwegs sind. Besser besucht sind da hingegen die Schanigärten der Cafès, in denen dem Espresso gehuldigt wird – bevor dann die für den Tag zu erwartende ganz große Hitze endgültig heraufziehen und sich schwer auf die Straßen Galatinas legen wird.
Aber noch sind wir frisch und gewillt unser Besichtigungsprogramm voll durchzuziehen: Stopp Nr. 1 ist die Chiesa dei Santi Pietro e Paolo, errichtet zwischen 1261 und 1633. Dank der großen Piazza, an der sie steht oder besser gesagt geradezu thront, nimmt sie sich ausgesprochen mächtig aus. Die Fassade barock, wie könnte es auch anders sein; sie endet mit einem Tympanon, das das Stadtwappen von Galatina einrahmt. Ich hole mir dieses mit dem Objektiv meiner Kamera näher heran: Eule, Schlüssel und Krone sind darauf zu sehen.
Besonders spannend aber finde ich das, was hier bis ins 20. Jahrhundert hinein auf der Piazza abspielte und zwar alle Jahre wieder am 29. Juni: Da kamen nämlich vor der Kirche, am Festtag der beiden Kirchen-Heiligen, jene Menschen zusammen, die angeblich vom Tarantismus befallen waren und auf Linderung hofften. Und was ist nun Tarantismus? Dem Volksglauben nach wurde die Krankheit auf den Biss einer Wolfsspinne (Tarantel) zurückgeführt und Heilung sollten ausgerechnet ekstatische Tanzanfälle – die sogenannte Tarantella, ein süditalienischer Volkstanz, für den schnelle Musik im 3/8- oder 6/8-Takt typisch ist – bringen. Heute weiß man längst, dass die Wolfsspinne eher selten zubeißt und wenn doch, dass ihr Gift für den Menschen keine Folgen hat. Tarantella-Tänze werden aber bis heute getanzt, z. B. beim Festival La Notte della Taranta, das im Sommer durch zahlreiche Städte im Salento tourt.
Komm, sagt mein Mann, reiß dich los, wir müssen in die Basilika Santa Caterina d’Alessandria, bevor sie uns dort zu Mittag die Tür vor der Nase zuknallen. Und dann stehen wir auch schon davor, auch sie hat einen großen Auftritt an einer weitläufigen Piazza und kurz bin ich versucht mich im dortigen Cafè unter den Sonnenschirmen niederzulassen und mir bei einem kühlen Getränk einfach mal die Fassade im Detail anzusehen. Diese überzeugt mich nämlich sowohl farblich (mit einem zarten Rosè-Ton) als auch mit ihrem apulisch-romanischen Stil und dem wunderschönen Portal. Aber das kühle Getränk muss warten – und schon stehe ich, nach einer kleinen Spende für den Eintritt, im Inneren der Basilika.
Hier stockt mir erstmal der Atem: Denn was es hier, in dieser 1391 fertiggestellten Kirche, zu sehen gibt, wirft mich um. Der fünfschiffige Innenraum ist fast über und über freskiert, das Auge gleitet erst mal über alles hinweg und versucht dann irgendwo einen Anfang zu finden. Aber wo beginnen, wo enden mit dem Lesen der unzähligen Geschichten, die diese bunten, beeindruckenden Fresken erzählen? Ich starte schließlich im ersten Schiff mit Szenen aus der Apokalypse, gefolgt von den Geschichten der Genesis (im zweiten Schiff). Eine eindeutige Engelsdominanz stelle ich im Gewölbe des dritten Schiffs fest. Besonders schön finde ich den Freskenzyklus an den Wänden des Chors: Dieser ist dem Leben meiner Namensvetterin Katharina von Alexandrien gewidmet. Und noch ein Highlight finde ich dann: Die besonders eindrücklichen Mariengeschichten an den Wänden im rechten Seitenschiff. Eine Antwort auf die Frage, warum die Kirche der heiligen Katharina von Alessandria gewidmet ist, habe ich schließlich auch noch gefunden: Ein (angeblicher) Finger der Heiligen wird bis heute als Reliquie in einem silbernen Reliquienschrein in der Schatzkammer der Kirche, im angeschlossenen Museum, aufbewahrt.
Übrigens, wer mehr nachliest über die Basilika, wird auf diese Aussage des italienischen Kunstkritikers Vittorio Sgarbi stoßen: „Die Basilika von Galatina steht in Bezug auf die Fülle der Bilderzyklen der Basilika des Heiligen Franz von Assisi (Anmerkung: In Assisi, Umbrien) in nichts nach.“ Und ja, dem ist eigentlich nichts mehr hinzu zu fügen…
Im ehemaligen Refektorium wurde ein kleines Museum eingerichtet, uns aber zieht es noch in den schönen, rechteckigen Kreuzgang des angeschlossenen Katharinenklosters, wo Fresken aus dem 17. Jahrhundert Episoden aus dem Leben des Franz von Assisi erzählen. Und wo es sich im Schatten des Kreuzgangs in der Mittagshitze recht gut aushalten lässt...
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Unsere Reise durch den Salento geht weiter: Nächste Station ist Gallipoli, eine hübsche Hafenstadt am Golf von Tarent. Nicht nur ihre wunderschöne Lage überzeugt, sondern auch die hübsche Altstadt, die auf einer Felseninsel liegt (durch eine Brücke mit dem Festland verbunden) und zahlreiche kunsthistorische Highlights beheimatet.
Ausgangspunkt für unsere Fahrten durch das Salento ist der Palazzo Marconi in Corigliano d`Otranto: Ein wunderbar renovierter Palazzo, der mit zwei Ferienapartments und einem Pool im idyllischen Garten die perfekte Basis ist, um den Salento zu erkunden.
Lecce, Hauptstadt der Province Lecce und mitten im Salento gelegen, überrascht mit förmlich Kapriolen schlagendem Barock und großartigen historischen Bauwerken.
Und auch hier noch mal der Link zum ausführlicheren Otranto-Blog-Beitrag aus dem Jahr 2019, bei dem auch ein paar Tipps zu schönen Stränden rund um Otranto gibt.