• Man sieht sich immer drei Mal, Turin! Mindestens! (I)
    Piemont I Italien

  • Du bist hier:
  • Reiseziele » Italien » Man sieht sich immer drei Mal, Turin! Mindestens! (I)
Mai 2023

Aller guten Dinge sind drei, um einen Blog-Beitrag zur Abwechslung mal mit einer Plattitüde zu beginnen: In meinem Fall drei Besuche Turins, der ehemaligen Hauptstadt der Savoyer. Elegant, entspannt, vielseitig – so habe ich sie 2014 bei einem eintägigen Abstecher im Rahmen einer zweiwöchigen Piemont-Reise kennengelernt und wollte unbedingt wiederkommen. Und ja, so halte ich nun mittlerweile bei Besuch Nr. 3 – nach großer Hitze bei meinem Besuch im Sommer 2014 und ein wenig Nebel bei einem Oktober-Besuch, scheinen wir nun mit Mai die perfekte Jahreszeit dafür gefunden zu haben…

Sie präsentiert sich ausgesprochen entspannt, die Hauptstadt der Region Piemont im nordwestlichen Italien. Was auch daran liegen mag, dass sie immer noch nicht der ganz große Touristenmagnet ist, wie etwa Venedig, Mailand, Rom oder Neapel. Möge es so bleiben, denke ich mir, als wir Mitte Mai bei perfekten Frühsommer-Temperaturen durch die Stadt schlendern. Möge Turin dieses Schicksal erspart bleiben, das andere Städte mittlerweile erleiden und leider zum Teil auch ein wenig selbst gewählt haben. Und die Chancen stehen diesbezüglich ganz gut, denke ich mir, denn in dieser Stadt, in deren Nordwesten sich die Alpen erheben – besonders eindrucksvoll zu bemerken, sobald man sich in Turin in luftige Höhen begibt, wie z. B. auf die Aussichtsplattform der Mole Antonelliana – kommt keiner per Zufall. Dann doch zu weit abseits von den gängigen italienischen Tourismus-Zielen liegt die Stadt, die abgesehen davon auch nicht mit den ganz großen Sehenswürdigkeiten zu locken vermag. Nun gut, hier befindet sich zwar das (angebliche) Grabtuch Christi im Turiner Dom, aber kein gigantisches Amphietheater, keine weltbekannte über und über freskierte Kapelle, kein weltberühmter Brunnen – aber, Achtung, genau das macht diese Stadt so spannend. Denn nimmt man sie auf den ersten Blick vielleicht „nur“ als elegante, gepflegte norditalienische Stadt mit außergewöhnlich schöner und gut erhaltener, prächtiger Barock-Architektur wahr, so entdeckt man dann auf den zweiten Blick beeindruckende Kulturgüter und davon sogar eine ganze Menge.

Prächtige Barockbauten, alte Cafés, schöne Alleen, weitläufige Plätze, lange Arkadengänge. Turin sollte man sich erlaufen, denn es gibt viel zu sehen, viel Atmosphäre zu genießen. Aber: einen guten ersten Überblick verschafft man sich am besten aus luftiger Höhe! Meine drei Tipps, wie das am besten gelingt...

Tipp Nr. 1: die Gratis-Aussicht!
Eine kleine Bergwertung muss man für diese Aussichts-Variante schon hinter sich bringen, aber es lohnt. Am besten gleich in der Früh, so wie wir es gemacht haben. Denn der Monte dei Cappuccini am rechten Po-Ufer erhebt sich nicht allzu weit entfernt von unserem Hotel, dem Opera 35 Suite & Studio. Vom aussichtsreichsten Hügel der Stadt hat man dann einen wunderbaren Blick über ganz Turin und bis zu den Alpen. Ganz allein stehen wir am Morgen hier oben und genießen die Szenerie, die sich vor uns ausbreitet. Einen kurzen Blick werfen wir dann auch noch ins Innere der Kirche, die unter Carlo Emanuele I. entstand, im Rahmen der Errichtung des dortigen Kapuzinerkonvents. Bergfexe interessiert vielleicht das Museo Nazionale della Montagna, das sich hier befindet, mit dem Schwerpunkt Piemont und Aostatal. Und dann geht es auch schon wieder bergab, vorbei an üppig wuchernden Rosen, schönen Villen hinter hohen Bäumen, vorbei an der Chiesa della Gran Madre di Dio, über die Ponte Vittorio Emanuele I. über den Po, hinüber zur Piazza Vittorio Veneto, wo es zur Belohnung in einem der zahlreichen Cafès Frühstück gibt.

Wer ein bisschen mehr Zeit im Gepäck hat, der sollte beim Weg hinauf auf den Monte dei Cappuccini ein wenig den Stadtteil Crimea, eines der Nobelviertel Turins, erkunden. Entstanden ist dieser Stadtteil nach dem Krimkrieg (1853-1856), daher auch der Name dieses Viertels. Und wer sich jetzt fragt, was ausgerechnet Turin mit dem Krimkrieg zu tun hatte: Dieser war ein militärischer Konflikt zwischen dem Russischen Reich und dem Osmanischen Reich sowie dessen Verbündeten Frankreich, Großbritannien und seit 1855 auch Sardinien-Piemont.

Zahlreiche prächtige Jugendstil-Villen gibt es in diesem Stadtviertel zu entdecken, umgeben von wunderbar gepflegten Gärten. Die wohl bekannteste dieser Villen ist die Jugendstil-Villa Scott (1902), die man jedoch nicht besichtigen kann – aber zumindest von außen (vom Corso Giovanni Lanza aus) einen Blick darauf zu werfen lohnt allemal. Und für die Abteilung nicht so ganz wichtiges Wissen: Berühmt wurde die Villa, zumindest in Italien, da der italienische Filmemacher Dario Argento sie als Schauplatz für seinen Thriller „Profondo rosso“ gewählt hatte.

Aussichts-Tipp Nr. 2: Der "Inklusive"-Ausblick vom Palazzo Madama

Der Ausblick von der Aussichtsterrasse im Turm des Palazzo Madama, gelegen an der Piazza Castello im Herzen der Stadt, ist zwar nicht gratis, aber immerhin inklusive, nämlich wenn man ein Ticket für die Besichtigung des Palazzo ersteht. (Und diese lohnt sich unbedingt, aber dazu mehr ein wenig später.) Einen 360-Grad-Rundumblick kann man von hier oben genießen, getoppt wird er eigentlich nur mehr vom Ausblick von der Mole Antonelliana und damit sind wir schon beim dritten Tipp...

Tipp Nr. 3: Beim dritten Anlauf klappt es mit dem besten Ausblick – vom Wahrzeichen der Stadt...

Und das ist die Mole Antonelliana, die mit ihren rund 168 Metern Höhe die Stadt überragt und an vielen Stellen der Stadt perfekt als Orientierungspunkt dient. Architektonisch ist sie schwer einzuordnen, irgendwo zwischen griechischem Tempel, Pagode und einer Art Eiffelturm. Ursprünglich als Synagoge konzipiert, die, aus Platzgründen, mit 47 Metern recht hoch werden sollte, kam dann alles doch ganz anders: Denn der als exzentrisch bekannte Architekt Alessandro Antonelli baute munter weiter, immer höher, immer länger dauerte es, und irgendwann riss der jüdischen Gemeinde Turins dann der Geduldsfaden – und das Bauwerk samt Grundstück wanderte in den Besitz der Stadt. 1889 wurde das Gebäude schließlich fertiggestellt: Da stand sie nun, die Mole, ein  Gebäude mit mächtigem Hohlraum, auf dem in 85 Metern Höhe eine Aussichtsplattform thront, mit dem Aussehen eines griechischen Tempels, darüber eine hohe Turmspitze mit Statue, die es allerdings nicht mehr gibt – sie hatte ein Sturm heruntergerissen. Was aber nun anfangen mit diesem sehr speziellen Gebäude...?

In einem gläsernen Panoramalift schwebt man heute hinauf zur Plattform durch das Innere der Mole, die seit 2000 das Kinomuseum Museo Nazionale del Cinema beherbergt; für Filmbegeisterte wohl ein wahrer Tempel der Cineastik. (Zuvor war hier übrigens das Museo del Risorgimento angesiedelt, das nun im Palazzo Carignano zu finden ist.) Der Ausblick auf Stadt und Berge ist großartig, bei besonders gutem Wetter kann man von hier aus den Blick auf den gesamten piemontesischen Westalpenbogen genießen. Bis ins Detail kann man die Stadt von diesen Punkt aus betrachten: Gut zu erkennen, wie sich die lange Via Po von der Piazza Castello schnurgerade ihren Weg bis zur Piazza Vittorio Veneto am Po bahnt. Am Westufer des Po erkenne ich die neoklassizistische Kirche Gran Madre di Dio, die wir auf unserem Rückweg vom Monte dei Cappuccini in die Stadt leider links liegen gelassen haben – der Frühstückshunger war einfach schon zu groß gewesen. Einen genauen Blick werfe ich auf die Kuppel der Chiesa di San Lorenzo (meine absolute Lieblingskirche in Turin, aber auch dazu weiter unten...), dann wandert mein Auge Richtung Alpen und in der Peripherie der Stadt erkenne ich das Juventus-Stadion mit seinen weißen Stehern. Eigentlich könnte man hier stundenlang stehen und die Stadt von oben durchwandern...

Aber Achtung: Der Andrang in der Mole ist groß, es ist daher empfehlenswert bereits vorab Online-Tickets für einen gewünschten time slot zu kaufen – das erspart sehr langes Anstellen in einer endlosen Schlange, die sich auch schon mal um fast die gesamte Mole winden kann. Meine Bilanz: Zwei Mal spontan probiert und gescheitert, beim dritten Mal dann online vorab gebucht und erfolgreich...

Wer in Turin zu Fuß unterwegs ist, dem wird schnell auffallen, dass es, wie in den meisten italienischen Großstädten, eine große Anzahl von Kirchen gibt. Drei davon möchte ich vorstellen, zwei davon haben es auf Anhieb auf meine persönliche Bestenliste italienischer Kirchen geschafft…

Ein Must-see: Chiesa di San Lorenzo (Via di Palazzo di Città 4)

Sie versteckt sich gut, nur wenige Schritte vom Palazzo Reale entfernt gelegen, an der Piazza Castello: die Chiesa di San Lorenzo. Sie ist kaum als Kirche zu erkennen, nur wer den Kopf in den Nacken legt, kann die Kuppel ausmachen. Wer sie dann aber gefunden hat, der hat ein barockes Kleinod entdeckt: Der bedeutende Spätbarock-Architekt Guarino Guarini, der daran 12 Jahre lang arbeitete, hat hier ein wahres Meisterwerk geschaffen. Besonders augenscheinlich sind der immense Barock-Prunk mit viel Gold, Marmor und Stuck und die beeindruckenden Altäre. Auf den zweiten Blick entdeckt man dann die besondere Architektur des Innenraumes, der sich irgendwie zu bewegen scheint: Statische Regeln werden hier scheinbar außer Kraft gesetzt. Es ist ein spannendes Spiel mit unterschiedlichsten Formen, das auch die achteckige Kuppel dominiert. Überhaupt: Für mich ist sie eine der schönsten Kuppeln, die ich jemals gesehen habe, auch beim dritten Besuch bin ich fasziniert davon. Vielleicht auch deswegen, weil die Laterne, der höchste Punkt der Kuppel, ein besonderes Schauspiel liefert: Da Licht hier besonders geschickt eingesetzt wird, scheint die Laterne fast zu schweben im Raum. Apropos, San Lorenzo war ursprünglich der Aufbewahrungsort für das berühmte Grabtuch von Turin, nachdem es 1578 in die Stadt gebracht worden war. Heute befindet sich nur mehr eine Kopie des Grabtuches in der Sakristei von San Lorenzo, das Original liegt in der nahen Domkirche.

Völlig zu Recht auf meiner Bestenliste: Santuario di Maria Consolatrice (La Consolata – Piazza della Consolata)

La Consolata ist die Lieblingskirche der Turiner – und das wundert mich kein bisschen: Auch auf meine Bestenliste hat es diese Kirche ohne jegliche Anstrengung geschafft. Denn auch hier ist Barock pur angesagt und das Auge kommt keine Sekunde zur Ruhe. Zuviel gibt es zu sehen, man könnte hier drinnen auch Stunden verbringen, um alle künstlerischen Details, mit denen sich ebenfalls Guarino Guarini verewigt hat, zu betrachten. Ursprünglich hatte sich hier eine romanische Basilika (Sant`Andrea) befunden, von deren Existenz heute nur mehr der Campanile aus dem 11. Jahrhundert zeugt. 1678 wurde die Kirche dann im barocken Stil umgebaut und wer sich über die klassizistische Fassade wundert (hinter der man gar nicht so viel Barock vermuten würde): Diese kam erst Mitte des 19. Jahrhunderts dazu. Gar nicht so oft in Kirchen anzutreffen (zumindest nicht in dieser Menge) und daher besonders sehenswert: Die Sammlung von mehreren tausend Votivbildern im rechten Seitenflügel der Kirche. Sie reichen vom Boden bis zur Decke, dicht an dicht, von Gläubigen zum Dank für so manche Gesundung oder andere positiven Geschehnisse gespendet. 

Sollte man auf jeden Fall gesehen haben: Die Cattedrale di San Giovanni Battista

Ist es nun der Kirchenarchitektur wegen oder das Heilige Grabtuch, auf dem angeblich der Körperabdruck des gekreuzigten Jesus zu sehen ist, das einen in den Dom zieht? Nun, die die dreischiffige Kathedrale selbst ist sehr schlicht gehalten und übrigens die einzige Renaissancekirche in ganz Turin. Aber: Sie hat was, finde ich zumindest. Ihre Schlichtheit bietet dem Auge zwischendurch auch mal Erholung nach all dem Barockprunk. Ganz ohne Barock geht es aber offensichtlich auch hier nicht: der Campanile hat 1720 einen barocken Aufbau erhalten.

Eigentliches Highlight im Dom ist aber ohnehin die Cappella della Sacra Sindone, die man über zwei schwarze Marmortreppen erreicht – und auch hier hat sich einmal mehr Guarino Guarini verewigt. Gebaut wurde die Grabtuchkapelle für die Aufbewahrung des Heiligen Grabtuchs, das angeblich den Abdruck des Körpers des gekreuzigten Christus zeigen soll. In der Mitte der Kapelle, die ebenfalls von schwarzem Marmor dominiert wird, steht ein Hochaltar, in dem sich ein silberner Schrein mit der Reliquie befindet. Hier liegt mit dem Heiligen Grabtuch eine der bekanntesten, aber auch umstrittensten Reliquien der Christenheit: Ob das 4,36 Meter lange und 1,10 Meter breite Leinentuch tatsächlich den Abdruck von Jesus Körper zeigt, ist nach wie vor ein heißes Thema. Wer mehr über das Turiner Grabtuch erfahren will, der sollte einen Abstecher ins Museo della Sindone (Via San Domenico 28) machen.

Architektonisch interessant – und meiner Meinung nach besonders schön – ist die Kapelle jedenfalls aufgrund ihrer Kuppel: Zarte Bögen scheinen sich spiralförmig in die Höhe zu winden. Übrigens: Auch von außen betrachtet ist die Kuppel besonders beeindruckend. Beim Verlassen des Doms werfe ich noch einen Blick hinauf: Über dem mittleren Portal ist eine von Luigi Gagna gemalte Kopie des „letzten Abendmahls“ von Leonardo da Vinci in Mailand zu sehen. Nicht schlecht gelungen, finde ich.

Nur wenige Meter entfernt übrigens die Reste eines römischen Theaters aus dem 1. Jh. n. Chr., wesentlich beeindruckender hingegen die Porta Palatina aus dem 1. Jh. n. Chr., die einst das Haupttor der Stadt war. Zu sehen sind noch zwei hohe Flankentürme, dazwischen eine recht gut erhaltene Fassade mit Durchfahrts- und Durchgangsbögen.

Wer jetzt noch nicht genug von Kirchen hat und noch einen starken Kontrapunkt zu all dem Barock braucht, für den lohnt sich ein Besuch der Chiesa di San Domenico, wie die Chiesa La Consolata ebenfalls im lebendigen Stadtviertel Quadritilero Romano gelegen: Die gotische Kirche aus dem 14. Jahrhundert bietet wunderschöne Fresken in der Cappella delle Grazie.

Hier geht es weiter mit der Turin-Besichtigung mit Teil 2 des Berichts.

Noch mehr Turin-Berichte gibt es hier:

Palazzi, Museen & Gärten in Turin I An den schönsten Plätzen Turins und an den Ufern des Po I Turiner Foto-Impressionen

Schöner schlafen in Turin: Hotel Studio Opera35 - suite and studio

Superzentral schlafen in Turin - mit großartigem Ausblick: NH Collection Santo Stefano

Turiner Kaffeehauskultur: Welche Caffès man besucht haben sollte

Eine Sonntag-Nacht im Fußball-Stadion: Forza Juve

 

Weil es der guten Ordnung halber erwähnt sein muss: Dies ist ein unbeauftragter und unbezahlter Blog-Beitrag.