• Toskana Revisited: Ein Roadtrip durch die Zeit (II)
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Er geht weiter, der fiktive Roadtrip auf den Spuren meiner zahlreichen Toskana-Reisen
in meinen 20ern. Florenz, Lucca, Pisa, das Val d`Elsa, San Gimignano, Siena und die Abtei Monte Oliveto
Maggiore liegen hinter uns, nun geht es zunächst mal ins weiter südliche gelegene Pienza...

Es ist nicht der Pecorino-Käse, der uns nach Pienza lockt. Obwohl das im Val d`Orcia in der Südtoskana gelegene Pienza als Hauptstadt dieses Käses gilt. Nein, Pienza soll die „ideale Stadt der Renaissance“ sein, und das wollen wir unbedingt sehen. Ursprünglich hieß Pienza ja Corsignano, dann hatte ein einzelner Mann große Pläne mit seinem Heimatdorf: Papst Pius II., 1405 als Enea Silvio Piccolomini geboren. Er träumte von einer idealen Stadt der Renaissance, oder viel mehr von seiner perfekten päpstlichen Residenzstadt. Und beauftragte 1459 den Architekten Bernardo Rossellino mit der Neugestaltung des mittelalterlichen Städtchens. Das Ziel: Hier sollte ein humanistisches Musterbeispiel einer Idealstadt der Renaissance geschaffen werden. Was man sich damals darunter vorstellte, kann man in Pienza auch heute noch nachvollziehen: Harmonie, Symmetrie, Proportionen und eine durchdachte Verbindung von Architektur und öffentlichem Raum. Während also viele italienische Altstädte über Jahrhunderte organisch gewachsen sind, wurde Pienza dagegen bewusst als zusammenhängendes städtebauliches Konzept gestaltet.

Das neue Stadtzentrum ist zwischen 1459 und 1462 entstanden und Corsignano wurde nach seinem Förderer in Pienza umbenannt – sinngemäß also die Stadt des Pius. Im Zentrum rund um die Piazza Pio II. findet man Kathedrale, Papstpalast und weitere repräsentative Gebäude, allesamt auf eher engem Raum. Es ist spannend hier zu stehen, mitten in einem der wichtigsten Beispiele für die Ideale der Renaissance-Stadtplanung. Dieser zentrale Platz ist das architektonische Herz Pienzas: Ich kann gut nachvollziehen, dass man von einem der schönsten Renaissanceplätze der Toskana spricht – mit den harmonisch angeordneten Gebäuden, dem hellen Stein und den überschaubaren Dimensionen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als ob man sich in einer sorgfältig komponierten Theaterkulisse bewegen würde. An diesem Platz wurden nicht nur einfach Gebäude nebeneinander gesetzt, vielmehr wurde ein städtebauliches Gesamtkunstwerk geschaffen. 

Auch einen der schönsten Ausblicke auf die so typischen Toskana-Hügel haben wir hier gefunden, und zwar von den Gärten des Palazzo Piccolomini aus. Über die gepflegte Gartenanlage des Palastes hinweg genießt man einen wunderschönen Blick auf das Val d`Orcia, auf Felder, Hügel und Zypressenreihen. Bei klarer Sicht hätten wir wohl sogar entfernte Bergzüge entdeckt. Nun ja, in meiner idealen Stadt hätte an diesem Tag auch noch die Sonne geschienen. Aber darüber kann ich irgendwie großzügig hinwegsehen.

Montepulciano: Zwischen Bilderbuchkulisse und Pastaglück
Der Ausblick ist Postkarten-verdächtig: Wir stehen am Belvedere di Santa Maria in Montepulciano, das auf einem hohen Kalksteinhügel südöstlich von Siena, zwischen dem Val d’Orcia und dem Val di Chiana, liegt. Das, was man von hier aus zu sehen bekommt, ist pures Toskana-Feeling. Ich bin nicht zum ersten Mal hier, der Luxus des Zurückkehrens an einen Ort, der mir gefällt, ich kann es relaxed angehen, und das mache ich auch. Durch die hübschen historischen Gassen sind wir zum Stadtzentrum spaziert, haben einen Abstecher zum Belvedere gemacht, denn jetzt am frühen Vormittag ist das Licht noch gut für ein Foto. Auf der schönen Piazza Grande, dem historischen Herz der Stadt, dann einmal mehr eine Atmosphäre, die für Toskana-Städte so typisch ist und die ich so liebe: Beeindruckende Renaissance-Paläste, ein weitläufiger Platz, der mächtige Palazzo Comunale, der Dom. Unter vielen der Palazzi dieser Stadt befinden sich übrigens teils jahrhundertealte Keller, denn Montepulciano ist für seinen Rotwein bekannt, den Vino Nobile. Aber es ist nicht der Wein, der uns jetzt lockt, sondern es sind die Pici, diese für die Toskana typischen, dicken Nudeln, ähnlich dicken Spaghetti. Ganz typisch isst man sie hier mit Tomatensauce und viel, sehr viel Knoblauch (Pici all` aglione), aber dieses Mal dürfen es Pici al ragù di cinghiale sein, mit Wildschein-Ragu also, ebenfalls ein Signature Dish in der Toskana. Zum Abschluss dann noch ein Abstecher zur Chiesa Madonna di San Biagio, der eleganten Renaissancekirche etwas unterhalb der Altstadt. Hier gibt es dann noch ein weiteres perfektes Toskana-Fotomotiv: Die Kirche und dahinter Montepulciano auf dem Hügel. Klick.

Ein Landgut bei Cortona: Sein Herz an Landschaft und Gastgeber:innen verlieren
Ein altes Podere, liebevoll bis ins letzte Detail renoviert, hinter sich sanft im Wind wiegenden Lavendelbüschen und herrlich duftenden Rosen ein Pool. Und dann dieser Ausblick, fast schon kitschig schön, zu allen Tageszeiten und in den unterschiedlichsten farbigen Schattierungen. Unsere Gastgeber:innen Margrethe und Ludwik haben in der Nähe des etruskischen Hügelstädtchen Cortona im Südosten der Toskana ein regelrechtes kleines Paradies geschaffen und für eine Woche dürfen wir Teil davon sein, in unserer kleinen „Limonaia“, dem Gästehaus. Manchmal ist es aber nicht nur ein Ort, der einem immer in Erinnerung bleiben wird, sondern es sind die Menschen, denen man auf Reisen begegnet. Menschen, wie die gebürtigen Dän:innen Margrethe und Ludwik.

Eine Staffelei im Garten, ein Bild, davor Ludwik, malend. Zwischen uns entspinnt sich ein Gespräch. Als Architekt hat er ganz offensichtlich einen Blick für die Proportionen der Landschaft, für deren Schönheit. Es gefällt mir, was er da malt. Meine Leidenschaft, sagt er, und lächelt. Magst du mehr sehen? Natürlich. Ich folge ihm ins Haus, er zeigt mir seine Bilder, die verstreut über alle Stockwerke an den Wänden hängen, ich würde jedes davon sofort nehmen. Soviel Liebe für das Gesehene darin. Dann höre ich mich plötzlich sagen: Hey, Ludwik, wir haben einen guten Wein da, habt ihr Lust am Abend ein Glas mit uns zu trinken, in „unserem“ Haus? Gern, aber wir machen es so: Ihr kommt zu uns, ich koche – und ihr bringt den Wein. Es wird eine lange, fröhliche, gesprächsreiche Sommernacht, auf der Terrasse ihres Hauses, die mit zuviel Grappa endet. Wir reden über Geschichte, Architektur, das Reisen, die Malerei, das Schöne im Leben, der Gesprächsstoff geht uns nicht aus. Die Sterne geben sich alle Mühe über uns und der Lavendel duftet. Es ist eine so schöne Nacht, man möchte sie für immer in sich abspeichern. Und ja, irgendwie habe ich das auch getan.

Lesen, schwimmen, Puccinis Herz erobern und Umbrien erkunden
Die Tage in der Limonaia vergehen wie im Flug; wir fahren nach Montepulciano, treiben uns öfters im nahen Cortona herum, besuchen Assisi, Perugia und Gubbio im angrenzenden Umbrien. Wir liegen faul am Pool herum, lesen, dösen, plaudern mit unseren Gastgeber:innen und nach einer Woche gelingt es mir sogar den scheuen roten Kater Puccini von mir zu überzeugen, ein paar Streicheleinheiten werden gnädig angenommen. Die Tage fliegen an uns vorbei, leicht, warm, sonnig, duftend, toskanisch. Und dann ist er da, der Tag des Abschieds, und ich stehe in der Küche unserer Limonaia, als Ludwik plötzlich anklopft. Ich habe nur eine Kleinigkeit für dich, zum Abschied, und drückt mir ein in ein Leinentüchlein eingepacktes Etwas in die Hand. Ich bin überrascht. Darf ich es gleich öffnen, Ludwik? Er ist schon halb aus dem Haus, sieht mich an, ja, es gehört ja dir. Und dann packe ich eine kleine, gerahmte Malerei von Ludwik aus. Ich erkenne darin die zypressengesäumte Auffahrt zum Podere. Und irgendwie kommen mir jetzt ein wenig die Tränen. Das ist so nett, ich kann das gar nicht annehmen, Ludwik. Doch, natürlich. Ich freue mich sehr darüber, danke. Und dann ist er wirklich aus der Tür, dieser große, ruhige Mann, der mir damit eine so unerwartete Freude gemacht hat. Sein Bild hängt bis heute an der Wand bei mir. (Leider ist dieses Ferienhäuschen mittlerweile nicht mehr zu mieten. Aber dieser Ort bleibt für immer in meinem Herzen. Und nein, das Bild, das mir Ludwik geschenkt hat, das ist hier nicht zu sehen auf den Fotos. Das bleibt mein kleines Geheimnis.)

Und am besten gleich noch weiter fahren, in den Süden der Toskana, die Maremma...
Genug der toskanischen Spurensuche, zumindest für den Moment. Volterra, Poggibonsi, Arezzo und all die kleinen Orte dazwischen, in denen man vielleicht eher zufällig landet – auch dazu gäbe es noch viel zu erzählen. Und ich komme im Zuge des Schreibens drauf, dass ich noch Lücken habe in der Toskana, die ich unbedingt schließen muss: Prato, Pistoia (aber da waren wir doch schon, sagt der Mann, aber ich kann mich nicht erinnern....) und so viele kleine Dörfer und Klosteranlagen. Es ist also wohl nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder losziehe.

Wer jetzt noch Zeit im Gepäck hat, der reist am besten gleich weiter, noch tiefer hinein in die südliche Toskana, in die Maremma, erkundet Massa Marittima, Grossetto oder die berühmten Tuffstädtchen. Und hängt vielleicht noch ein paar sonnengetränkte Tage am Meer an, in Castiglione della Pescaia oder noch ein bisschen südlicher, an der Küste des Monte Argentario. Gute Reise...

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Wer Teil 1 des Roadtrips versäumt hat, hier geht es zu Teil 1 des Blog-Beitrags.

Am Weg in die Toskana lohnt es sich immer auch einen Zwischenstopp in der Emilia-Romagna einzulegen, z. B. in Bologna oder Ferrara. 

Auch ein Abstecher in die Nachbarregion Umbrien lohnt sich: Seien es Perugia, Assisi oder Gubbio oder das südlicher liegende Montefalco und Spoleto bzw. Todi. 

Der guten Ordnung halber erwähnt: Diese Reise wurde privat unternommen und mündete in diesen unbeauftragten, unbezahlten Blog-Beitrag.