• Catania: Zwischen Lava und Barock
    Catania I Sizilien

Sommer 2018

Das Taxi spuckt uns aus vor dem Palazzo, in dem das Art Boutique Hotel
untergebracht ist, in dem wir uns für die nächsten zwei Tage eingebucht haben. Über uns – oder vielmehr über der ganzen Stadt – hängt an diesem Tag eine scheußliche Dunstglocke: drückend-schwül, grau, feucht. Die wenigen Catanesi, die jetzt um die Mittagszeit unterwegs sind, schleppen sich mit gesenkten Köpfen auf den vom Lavastein  schwarzen Straßen dahin. Danke, höre ich mich sagen, mir reicht`s – jetzt erst mal Siesta. Die Stadt kann warten.

Dabei habe ich schon so lange auf diese Stadt gewartet. Ziemlich lange sogar. Denn in den 90er Jahren habe ich mich in sie verliebt – und habe erst viel später realisiert, dass es gar nicht Catania war, das da mein Herz erobert hat. „Allein gegen die Mafia“ hieß die Serie, für die ich mich regelmäßig am Sofa neben meinem Vater einfand. Lineares Fernsehen war damals die Normalität und so trafen wir uns rechtzeitig zum Hauptabendprogramm um 20:15 Uhr vor dem Fernseher, um dem attraktiven Commissario Corrado Cattani (dargestellt von Michele Placido) bei seinem Kampf gegen die Mafia über die Schulter zu schauen. Düstere Gassen, eine ganz eigene Stimmung, diese Serie zog mich in ihren Bann, und irgendwie, warum auch immer, bildete ich mir ein, dass Cattani da immerzu durch Catania irrte. Irgendwann, so nahm ich mir das vor, würde ich dort hinfahren, und auf seinen Pfaden wandeln. Nun, es sollte ziemlich lang dauern – und dann die späte Erkenntnis: Meine Lieblingsserie wurde gar nicht in Catania gedreht, sondern an unterschiedlichsten Drehorten in ganz Sizilien. Nur die eine oder andere Szene wurde tatsächlich in Catania aufgenommen. Aber egal, jetzt bin ich eben da. Bereit, Catania kennenzulernen.

Meine Erwartungen an Catania? Irgendwie nicht wirklich vorhanden. Unsere erste Station unserer zweiten längeren Sizilienreise eben, Palermo und vieles andere – darunter u. a. Taormina, Siracusa, Noto, Ragusa und Agrigento – hatten wir schon ein Jahr zuvor erkundet. Wir würden einfach losmarschieren und uns überraschen lassen von der Stadt. Ganz klar, die Stadt DER großen Sehenswürdigkeiten ist Catania, im Gegensatz zu Palermo mit seinen teils weltberühmten Sakralbauten, nicht. Die kleine Schwester Palermos also, wie sie oft genannt wird – die bravere, vielleicht sogar die langweiligere? Wir würden es herausfinden.

Die Dunstglocke hatte sich jedenfalls auch nach unserer Siesta nicht verzogen. Aber sei`s drum. Wir wagen uns hinaus, vorerst ohne Ziel, einfach los gehen, treiben lassen, schauen. Eins wird mir schnell klar, Catania ist auch die Stadt der unzähligen (Barock-)Kirchen, denn an vielen kommen wir schon jetzt bei unserem ersten Rundgang vorbei. Und sehr viele von ihnen wurden beim Wiederaufbau der Stadt nach dem verheerenden Erdbeben von 1693 errichtet. Aber die Kirchen können warten, vorerst lassen wir uns weiter dahintreiben. Zwischen Bäumen, die üppig Orangen tragen, heruntergekommenen Fassaden, prächtigen Palazzi, üppig blühenden Oleandern, unter farblich explodierenden Bougainvillea. Wir werfen einen Blick in versteckte Innenhöfe und dann, plöztlich, freuen wir uns, dass der graue Dunst sich langsam verzieht, und der Himmel sich in ein helles Blau kleidet. So mögen wir das…

In den nächsten Tagen legen wir unsere Stadtbesichtigung strategischer an. Wobei wir es zum ersten Highlight Catanias, dem berühmten Markt rund um die Pescheria (der historische Fischmarkt), nicht weit haben – denn die Ausläufer dieses Marktes führen fast bis vor unser Hotel. Ein riesiges Angebot an Fisch, Gemüse und Obst erstreckt sich hier über zahllose Marktstände unterschiedlichster Größen, die sich interessanterweise teilweise unterhalb des heutigen Straßenniveaus befinden. Und, ebenfalls überraschend, die historische Porta Carlo V (aus dem Jahr 1553) steht mitten im Markt. Hier mischt sich zeitgeschichtlich vieles: einerseits die mittelalterliche und frühneuzeitliche Stadtmauer, anderseits Barockes, das nach dem verheerenden Erdbeben von 1693 entstanden ist – und dann ganz viel heutiges städtisches Leben. Alles trifft hier ganz unmittelbar aufeinander. Es wurlt, geschäftiges Treiben, viele Stimmen, laute Rufe – und das Meer ist auch nicht weit entfernt, irgendwie kann man es fast riechen. Aber vielleicht ist das auch nur der Fischgeruch. Hier wird gustiert, verglichen, verhandelt, geplaudert, gekauft. Pralles süditalienisches Alltagsleben, mitten im historischen Zentrum.

Gleich um´s Eck dann auch schon der Mittelpunkt der Stadt, die verkehrsfreie, großzügige Piazza del Duomo (errichtet von 1730 bis 1739) mit dem Duomo Sant`Agata und der Porta Uzeda (aus dem Jahr 1696). Auch der bekannte Elefantenbrunnen befindet sich hier und der Palazzo del Municipio (Palazzo degli Elefanti – Rathaus). Alles übrigens der Feder von Giovanni Battista Vaccarini entsprungen, Architekt und einer der bedeutendsten Vertreter des Spätbarocks in Sizilien. Wir umrunden die Fontana dell`Elefante – ein Elefant aus schwarzer Lava, der einen kleinen ägyptischen Obelisken trägt und nach einem großen Vorbild gefertigt wurde, nämlich Berninis Elefantenobelisk in Rom. Ein Symbol Catanias, wie wir erfahren – das hat sich der hübsche Kerl aber auch wirklich verdient...

Architektonisch interessant ist der Palazzo Municipale: Er wurde ebenfalls nach dem Erdbeben von 1693 neu erbaut. Als Giovanni Battista Vaccarini das Bauprojekt übernahm, war das Erdgeschoss schon errichtet worden. Die Stockwerde darüber heben sich dann deutlich von dem Stil des Erdgeschosses ab: Gesims und Fenster entsprachen dem römischen Vorbild, wie auch das mächtige Portal zum Innenhof. Auf freistehenden Säulen ruht ein Balkon im ersten Obergeschoss, darüber thront das Wappen der Stadt. Der Balkon, einst ein beliebter Ort für die feine Gesellschaft Catanias, um von hier aus religiöse Feste oder Feuerwerke zu Ehren der Stadtheiligen Agatha zu beobachten.

Besonders schön sieht der Duomo Sant'Agata aus, wenn sich das warme, gelbliche Spätnachmittagslicht auf ihn legt. Symbolträchtig ist der Ort, an dem er steht: Nämlich genau an jener Stelle, an der die berühmte hl. Agatha, die Schutzpatronin der Stadt, 251 den Märtyrertod starb. Eine grausame Geschichte übrigens, denn die hl. Agatha wurde für ihre Standhaftigkeit martialisch gequält und starb eines gewaltsamen Todes. Warum aber Schutzpatronin? Dazu besagt die Legende, dass Agatha den Lavastrom des Ätna stoppen konnte, der sich unerbittlich auf die Stadt zubewegt hatte. Aber zurück zum Dom selbst. Erbaut wurde er erstmals bereits um 1097 als erster Normannendom Siziliens, langgestreckt, mit vier Türmen, einer arabischen Festung nicht unähnlich. Schon die Erdbeben 1140 und 1169 beschädigten den Dom schwer und er musste teilweise wiederaufgebaut werden. Sein heutiges barockes Aussehen erhielt der Dom nach dem Erdbeben von 1693.

In der Mittelapsis des dreischiffigen Kircheninneren steht der schöne Hauptaltar, in der rechten Seitenapsis befindet sich die Kapelle der heiligen Agatha: Hier werden die Reliquien der Heiligen in einem Schrein aus Silber aufbewahrt. Ein weiteres Highlight in den Seitenschiffen: die Intarsienaltäre aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Weiters interessant: In der Muttergotteskapelle befindet sich ein römischer Sarkophag des 3. Jahrhunderts aus Kleinasien, in dem die sterblichen Überreste von einigen Angehörigen des aragonesischen Königshauses liegen. Und noch eine berühmte Persönlichkeit hat hier ihre letzte Ruhe gefunden: Nämlich der in Catania geborene Komponist Vincenzo Bellini, nach dem auch das Teatro Bellini, Catanias Opernhaus benannt ist.  

Nicht weit von der Piazza del Duomo entfernt liegt eines der architektonisch vielleicht schönsten Gebäude der Stadt: das Teatro Bellini, an der Piazza Bellini. Es gilt als eines der prachtvollsten Opernhäuser Italiens – und ja, das kann man so durchaus durchgehen lassen. Grandezza spreche ich dem Gebäude also nicht ab, auch wenn sich an der Fassade ganz schön viel Patina angesammelt hat. Eröffnet wurde das Teatro 1890 – und zwar mit Bellinis Oper „Norma“. Vincenzo Bellini – 1801 in Catania geboren und mit jungen 34 Jahren in der Nähe von Paris verstorben – gehörte zu den bedeutendsten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts. Catania hat also seinem berühmtesten Sohn posthum ein Opernhaus gewidmet – und gleich zur Eröffnung seine „Norma“ auf die Bühne gebracht. Eine feine Geste…

Besonders beeindruckend ist die reich verzierte Fassade des Gebäudes, und was mich besonders fasziniert: der überdachte Eingangsbereich für Kutschen. Vor meinem geistigen Auge fahren da Kutschen mit elegant gekleideten Catanesi vor, bereit für einen Abend, den sie unter kristallenen Lüstern im Zuschauerraum verbringen werden. Über einen Mangel an großen Namen kann man sich im Teatro Bellini jedenfalls nicht beschweren: Maria Callas, Montserrat Caballé, Giuseppe Di Stefano, Mario Del Monaco, Renata Scotto und Luciano Pavarotti sollen hier gesungen haben. Auch bedeutende Dirigenten wie Georg Solti, Lorin Maazel und Riccardo Muti standen im Teatro Bellini am Pult.

In unmittelbarer Nähe des Teatro befindet sich die Casa del Mutilato ("Haus der Verstümmelten"), errichtet im Stil des italienischen Rationalismus während der Zeit des Faschismus. Es diente als Sozial- und Hilfszentrum für kriegsversehrte Soldaten der italienischen Armee. Im Gebäude befinden sich ein großer Festsaal sowie an die 20 weiteren Räume mit Fresken und Art decó-Elementen. Die Casa del Mutilato gehört inzwischen der Regione Siciliana, angeblich soll darin ein Museum errichtet werden.

Danach machen wir noch einen Abstecher Richtung Norden, unser Ziel: Der Giardino Bellini, meist auch Villa Bellini genannt, an der Via Etnea gelegen, und benannt nach dem schon zuvor erwähnten Komponisten Vincenzo Bellini. Die großzügige Parkanlage (mit rund 70.000 m²) ist die älteste Parkanlage der Stadt. Ausgangspunkt dieser Gartenanlage war der ehemalige Garten der Residenz des Fürsten Ignatius Paternò-Castello di Biscari, der 1854 von der Stadt Catania erworben wurde – und anschließend durch den Ankauf von zusätzlichen Grundstücken vergrößert und in einen weitläufigen Park verwandelt wurde. Es ist eine grüne Lunge mitten in Catania, voller großer alter Bäume und mediterraner Vegetation mit exotischen Pflanzen. Zwischen Statuen, Büsten, Brunnen und Wasserbecken kann man hier sehr entspannt herumschlendern, sobald man über die monumentale Treppenanlage an der Via Etnea den Hügel erklommen hat. Besonders schön auch der historische Musikpavillon und der berühmte „Calendario“, bei dem das Datum mit Pflanzen dargestellt wird. Neben den barocken Straßenzügen, Kirchen und Palästen der Innenstadt bekommt man hier auch einen guten Eindruck davon, wie die Stadt im 19. Jahrhundert einen großen repräsentativen öffentlichen Garten geschaffen hat.

Es geht weiter durch Catania und zwar in Teil 2 des Blog-Beitrags.

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