• Hinter den Mauern von San Nicolò l`Arena
    Catania I Sizilien

Sommer 2018

Hinter den Mauern des ehemaligen Benediktinerklosters San Nicolò l’Arena verbirgt sich
für mich eines der faszinierendsten Stücke Catanias – und mein persönliches Highlight der Stadt. Von außen lässt sich kaum erahnen, was sich hinter den Mauern des ehemaligen Benediktinerklosters verbirgt: blühende Klosterhöfe, monumentale Treppen, farbenfrohe Keramikböden, unterirdische römische Häuser und Gärten, die teilweise auf der Lava des Ätna angelegt wurden. Erst bei einer Führung erschließt sich, wie viel Geschichte in dieser ungewöhnlichen
und weitläufigen Anlage steckt.

Wir haben Catania inzwischen schon ein bisschen kennengelernt, sind durch Gassen gestreift, haben einiges gesehen und schon ein paar Kilometer in den Beinen – und sind dabei ziemlich begeistert von der Stadt (hier geht es zu Teil 1 des Catania-Beitrags). Zeit also, einen weiteren Ort anzusteuern, den wir unbedingt kennenlernen wollen: das ehemalige Benediktinerkloster San Nicolò l’Arena. Und noch ahne ich nicht, dass dieses mein absolutes Highlight in Catania wird.

Etwas sonderbar sieht die zum Kloster gehörige Kirche San Nicolò l`Arena auf den ersten Blick aus – massiv, wie eine Trutzburg, unfertig und als ob man das Oberteil der Kirche einfach gekappt hätte. Sie blickt auf eine bewegte und lange Baugeschichte zurück: Die heutige Kirche geht auf einen Neubau zurück, nachdem die ältere, im 16. Jahrhundert errichtete Kirche durch den Ausbruch des Ätna von 1669 schwer beschädigt worden war. Der römische Architekt Giovanni Battista Contini begann 1687 mit dem Entwurf des Neubaus. Dann kam 1693 das große Erdbeben, das die Arbeiten unterbrach. Erst ab 1730 wurde der Bau wieder intensiv fortgeführt – unter Beteiligung mehrerer bedeutender Architekten, darunter Francesco Battaglia und Stefano Ittar. All dies erklärt auch, warum die Kirche heute wie ein architektonisches Geschichtsbuch wirkt: In ihr treffen unterschiedliche Phasen des späten sizilianischen Barocks und des beginnenden Klassizismus aufeinander.

Beeindruckend sind aber vor allem die Dimensionen dieser Kirche: San Nicolò ist rund 100 Meter lang und besitzt drei Kirchenschiffe. Die gewaltige Kuppel von Stefano Ittar erreicht im Inneren etwa 62 Meter Höhe. Aber man sollte seinen Blick nicht nur in die Höhe richten, sondern auch auf den Boden: Denn im Querschiff befindet sich ein Meridian, eine Sonnenuhr aus dem Jahr 1841. Wer genau hinsieht, entdeckt Darstellungen der Tierkreiszeichen eines neoklassizistischen Künstlers.

Wir nehmen uns Zeit und entscheiden uns an einer Führung durch die ehemalige Klosteranlage San Nicolò teilzunehmen. Eine richtig gute Idee, wie sich im Nachhinein herausstellt. Denn eine ausgiebige Tour durch das ehemalige Kloster, das seit 2002 zum UNESCO-Weltkulturerbe Spätbarocke Städte des Val di Noto gehört, das als größter Klosterkomplex Siziliens gilt und heute Teile der Universität Catania beheimatet, zahlt sich definitiv aus. Nur so bekommt man Bereiche zu sehen, die man ohne eine Führung nicht entdecken könnte.

Ursprünglich wurde das Benediktiner-Kloster an den Hängen des Ätna gegründet. 1558 aber erhielten die Mönche die Erlaubnis in Catania ein neues Ordensgebäude zu errichten. Mit dieser Entscheidung hatte man gehofft vor Vulkanausbrüchen und damit Zerstörung sicher zu sein, aber dann kam das Erdbeben von 1693: Kloster wie Kirche fielen ihm zum Opfer. Aber: Es wurde wieder aufgebaut. Noch größer, noch prächtiger - und damit war San Nicolò (nach dem portugiesischen Mafra) die größte Klosteranlage in Europa. 

Heute ist der Komplex Sitz der philosophischen und literaturwissenschaftlichen Fakultäten der Universität Catania. Dadurch ist er kein reines Museum, sondern ein historischer Ort, im dem auch lebendiger, universitärer Alltag herrscht.

Es gibt viel zu sehen bei dieser spannenden Tour durch die riesige Klosteranlage, ober- wie unterirdisch. Besonders sehenswert sind die beiden Kreuzgänge, die unterirdischen Bereiche mit den römischen Häusern, die historischen Küchen aus dem 18. Jahrhundert, die ehemaligen Keller, die Klosterhöfe und die monumentale Treppe sowie der Garten der Novizen. Die Führung macht nicht nur Architektur sichtbar, sondern erzählt auch die Geschichte des Klosters und seine Veränderungen über die Jahrhunderte. (Über die man sich übrigens sehr ausführlich auf Wikipedia informieren kann.)

Das Kloster San Nicolò l'Arena war nicht nur ein monumentaler Wohn- und Repräsentationsbau, der Klosterkomplex umfasste auch Nutzgärten. So sollen die Mönche hier u. a. Obstbäume, Zitrusfrüchte und aromatische bzw. medizinisch verwendbare Pflanzen kultiviert haben. Im Rahmen der Führung kommt man auch durch einen Teil der Klosterhöfe, in denen heute Jacarandabäume, die man in Catania in der ganzen Stadt immer wieder findet, wunderschön üppig lavendelfarben bis blauviolett blühen. 

Beeindruckend ist auch der große, repräsentative Treppenaufgang im Inneren des Klosters, der „scalone monumentale“. Er war Teil der großen Wiederaufbau- und Erweiterungsphase des Klosters im 18. Jahrhundert, nach der Eruption von 1669 und vor allem dem Erdbeben von 1693. Die Wiedererrichtung des Klosters begann ab 1702.

Die Treppe ist dabei nicht einfach eine praktische Erschließung, sie ist bewusst repräsentativ inszeniert. Schon zeitgenössische Besucher:innen waren davon beeindruckt: Der schottische Schriftsteller Patrick Brydone besuchte Catania 1770 und verglich den Eindruck des Klosters mit einer königlichen Residenz. Das ist schon bemerkenswert, weil man sich vor Augen halten muss: Es handelt sich um ein Kloster, nicht um einen Königspalast.

Der Giardino dei Novizi (Novizengarten) hängt mit dem Noviziat zusammen, also jenem Bereich des Klosters, in dem die angehenden Mönche – die Novizen – untergebracht und ausgebildet wurden. Bei der großen Erweiterung des Klosters im 18. Jahrhundert entstand im nördlichen Bereich ein eigener Trakt für das Noviziat. Historische Bauunterlagen zeigen, dass sich dort Zellen der Novizen befanden, die einem großen Refektorium gegenüberlagen und sich zu einem als Garten gestalteten Kreuzgang öffneten. Der Garten war also kein beliebiger Schmuckhof, sondern gehörte unmittelbar zur Organisation des klösterlichen Lebens.

Einer der spannendsten Aspekte dieses Gartens: Der große Vulkanausbruch von 1669 überzog einen erheblichen Teil des damaligen Catania mit Lava. Beim Wiederaufbau des Klosters wurde diese Lava nicht einfach vollständig entfernt. Im Gegenteil: Die Mönche nutzten den vorhandenen Lavaboden als Grundlage für neue Bauteile und Gartenanlagen. Die offizielle Geschichte des Klosters nennt ausdrücklich zwei auf dem Lavabankett angelegte hängende Gärten – darunter den Giardino dei Novizi. Das heißt: Wenn man durch diesen Garten geht, befindet man sich teilweise buchstäblich auf bzw. über der Lava des Ausbruchs von 1669. Ursprünglich sah dieser Garten aber ganz anders aus als heute; es war mehr „Garten“, mit angelegten Beeten etc., das heutige Aussehen erinnert nicht mehr an den barocken Klostergarten.

Übrigens, wer sich über die Metallobjekte im Garten wundert: das sind die Lüftungs- bzw. Entlüftungsschächte, die nicht versteckt, sondern als sichtbare architektonische Elemente gestaltet wurden. So wurde die technische Infrastruktur des Universitätsgebäudes in die Gestaltung des Gartens integriert.

Eines meiner persönlichen Highlights während der Tour durch die Klosteranlage waren die bunt-gemusterten Fliesen, die einem in den unterschiedlichsten Bereichen immer wieder begegnen. So gibt es z. B. in der Sala Vaccarini, der historischen Bibliothek des Klosters, neapolitanische Majolika aus dem 18. Jahrhundert. Angeblich handelt es sich dabei sogar um den originalen Boden; die Sala Vaccarini gilt übrigens als einer der am besten erhaltenen Räume des historischen Klosters.

Ein anderer wichtiger Boden befindet sich im Grande Refettorio, heute Aula Magna der humanistischen Fakultät der Universität. Hier wurde Keramik aus dem für seine Keramikproduktion bekannten sizilianischen Städtchen Caltagirone verwendet. Das ist besonders interessant, weil Caltagirone auf Sizilien seit Jahrhunderten eines der bedeutendsten Zentren für Keramikproduktion ist. Das Refektorium selbst gehört zur großen Bauphase des 18. Jahrhunderts und besitzt das berühmte Deckenfresko „Gloria di San Benedetto“ von Giovanni Battista Piparo.

Noch ein dritter Typ findet sich im Antirefettorio, dem runden, elliptischen Raum vor dem großen Refektorium. Hier wurden angeblich Keramikfliesen aus Vietri eingesetzt. Vietri sul Mare liegt an der italienischen Amalfiküste war und ist ebenfalls ein wichtiges Keramikzentrum. Das zeigt, dass die Benediktiner für ihre Ausstattung nicht ausschließlich lokale Produkte verwendeten, sondern hochwertige Keramik auch von außerhalb Siziliens bezogen.

Weiter geht es durch Catania - und zwar in Beitrag Nr. 3. 

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