Catania zeigt sich von seiner barocken Seite – und davon gibt es einiges zu entdecken.
Wir ziehen weiter durch die Stadt, von der Via Etnea hinein in die Via dei Crociferi, vorbei an Kirchen,
Klöstern und stillen Innenhöfen, immer auf der Suche nach den Details, die den besonderen Charakter dieser Stadt ausmachen. Und je länger wir unterwegs sind, desto mehr merken wir: Catania hat uns längst gepackt.
An Tag 3 (hier geht´s zu Teil 1 und Teil 2 des Catania-Beitrags) widmen wir uns noch ein bisschen den barocken Sakralbauten der Stadt: Denn wie auch in so vielen anderen Städten Siziliens gibt es hier eine schier endlose Auswahl an barocken Kirchen – und ein paar davon, so finden wir, muss man schon gesehen haben. Unser erstes Ziel liegt an der Via Etnea: Die Basilika Collegiata (Chiesa S. Maria dell`Elemosina) gehört, wie auch San Nicolò, zum UNESCO-Welterbe Spätbarocke Städte des Val di Noto. Erstmals errichtet wurde hier eine Kapelle in den ersten Jahrhunderten des Christentums, später wurde eine Stiftskirche angegliedert. Aber auch dieser Sakralbau fiel, wie so viele andere, dem Erdbeben von 1693 zum Opfer und so wurde die Kirche danach neu errichtet. Heute hat die dreischiffige und reich ausgestattete Basilika den Grundriss eines lateinischen Kreuzes. Es lohnt sich den Kopf in den Nacken zu legen: Denn hoch oben gibt es ein schönes Kuppelfresko von Giuseppe Sciuti zu sehen. 1946 wurde die Collegiata von Pius XII. zur Basilica minor ernannt.
Die nächsten Kirchen finden wir an der Via dei Crociferi. Übersetzt bedeutet dies „Straße der Kreuzträger“ und diesen Namen verdankt die Straße dem Orden der Crociferi (Congregazione dei Crociferi), die in dieser Straße mehrere religiöse Einrichtungen unterhielten. An der barocken Prachtstraße reihen sich zahlreiche Klöster und Kirchen aneinander – und jene entlang des zentralen Teils der Straße gehören ebenfalls zum UNESCO-Welterbe Spätbarocke Städte des Val di Noto. Die lebendige Straße ist seit jeher Treffpunkt der Catanesen und wurde, interessanterweise, seit ihrer Entstehung im 18. Jahrhundert nicht verändert. Was hier ebenfalls auffällt: In dieser Straße wurden bei vielen Gebäuden mit Treppen oder Vorhallen die beträchtlichen Höhenunterschiede ausgeglichen.
Wie an einer Schnur aufgefädelt stehen hier die Sakralbauten und unser erster Stopp ist die Chiesa San Francesco Borgia: Diese Jesuitenkirche samt Kolleg wurde ebenfalls nach dem großen Erdbeben ab 1698 wieder aufgebaut. Über eine Freitreppe betritt man die Kirche, die dem Jesuitenheiligen Franz Borgia gewidmet ist. Mit der Vertreibung der Jesuiten aus dem Königreich beider Sizilien im Jahr 1767 gelangten die Kirche und das angrenzende Kolleg in den Besitz des Königs. Die Jesuiten erlangte den architektonischen Komplex in der Folge nicht wieder zurück. Während das einschiffige Langhaus mit Seitenkapellen als ein wichtiges Modell der Jesuitenarchitektur gilt, zeigt San Francesco Borgia interessanterweise eine davon abweichende, dreischiffige Raumlösung. Besonders schön ist die zentrale Kuppel, die von Olivio Sozzi, einem in Catania gebürtigen Maler, 1760 mit Fresken gestaltet wurde. Das an die Kirche anschließende einstige Jesuitenkollegium hat nicht nur eine beeindruckende Fassade, sondern auch einen schönen zweigeschossigen Kreuzgang.
Unsere nächste Station ist die Chiesa San Benedetto, die Kirche der Benediktinerinnen: Was hier sofort ins Auge springt ist die Vorhalle mit einer sehr eleganten Treppe, der Scalinata dell’Angelo (eine mit acht Engelsstatuen geschmückte Monumentaltreppe), über die man durch ebenso elegante Türen zum einschiffigen Kirchenraum hinaufgeht. Erbaut zwischen 1704 und 1713 im sizilianischen Barock, wurde sie dem Heiligen Benedikt von Nursia geweiht – und nach Beschädigungen im 2. Weltkrieg restauriert. Im Innenraum beeindruckt sie uns mit schönen Gewölben, die um 1750 mit Fresken ausgestattet wurden. Unbedingt hinauf schauen sollte man zur Empore, die mit einer hohen Balustrade ausgestattet wurde – um die Nonnen bei der Teilnahme an der Messe abzuschirmen. Und dann kommt hier auch noch Franco Zeffirelli ins Spiel: In Kirche und Kloster wurden 1993 Teile des Filmdramas „Storia di una capinera“ (Geschichte einer Mönchsgrasmücke) nach der gleichnamigen Briefnovelle von Giovanni Verga gedreht. Eines steht bereits nach kürzester Zeit fest: San Benedetto ist meine Favoritin – die Treppe, die üppigen Fresken im Gewölbe, der schöne Boden. Von allem sehr viel, aber dennoch hat sie mich, schon nach ein paar wenigen Minuten.
Und noch eine weitere Kirche lockt uns in ihr Inneres: Die doppeltürmige Chiesa di San Francesco d'Assisi all'Immacolata, direkt an der Piazza San Francesco d`Assisi. Sie, die zu bedeutenden franziskanischen Kirchen in der Stadt gehört, hat einen mittelalterlichen Ursprung, wurde aber nach dem 1963er-Erdbeben wieder aufgebaut, natürlich im barocken Stil. Sie besteht aus Kalkstein, zu ihr hinauf führt eine breite Treppe aus Lavastein vom Ätna. An der Balustrade des Kirchenvorplatzes stehen Skulpturen franziskanischer Heiliger. Im Inneren fallen gleich einmal die schönen Stuckarbeiten auf. Der Name der Kirche – all'Immacolata – ist natürlich programmatisch: In einer der Kapellen steht eine polychrome Holzstatue der Immacolata, die auf 1745 datiert und Michele Orlando zugeschrieben wird. Und wie in der Chiesa San Francesco Borgia hat sich auch hier Olivio Sozzi in der Kuppel bzw. in Gewölben mit schönen Fresken verewigt.
Und noch etwas Beeindruckendes gibt es in der Chiesa di San Francesco d'Assisi all'Immacolata zu sehen, nämlich die für Catania so typischen Candelore – riesige, kunstvoll verzierte Kerzenleuchter, die in Catania eine ganz besondere religiöse und zugleich volkstümliche Bedeutung haben. Sie kommen vor allem bei der Festa di Sant'Agata, dem großen Fest zu Ehren der Stadtpatronin Santa Agata, das jedes Jahr Anfang Februar stattfindet, zum Einsatz. Diese tragbaren, mehrere Meter hohen Kerzenleuchter werden auf den Schultern getragen. Die Konstruktionen bestehen traditionell aus Holz und sind mit geschnitzten und vergoldeten Ornamenten, Blumen, Figuren, kleinen Putten, Spiegeln und teilweise farbigem Glas reich verziert. Oben befindet sich eine große Kerze. Mich faszinieren vor allem die kleinen Engel, die geradezu neckisch und frech auf den Candelore posieren.
Die Candelore sind mitunter sehr schwer, teilweise wiegen sie mehrere hundert Kilogramm und werden von sogenannten „candelorari“ getragen. Wobei, getragen ist relativ, meist werden sie geradezu getanzt. Die Träger bewegen die Candelore beim Umzug rhythmisch und teilweise erstaunlich schwungvoll. Sie schwingen und neigen die schweren Leuchter, sodass es fast wie eine choreografierte Aufführung wirkt. Es ist also keine bloße Prozession im ruhigen Sinn. Die Candelore werden mit großer körperlicher Energie durch die Straßen getragen – begleitet von Musik, Rufen und der Menschenmenge.
Ursprünglich sind die Candelore Votivgaben. Verschiedene Handwerker- und Berufsvereinigungen (corporazioni) besitzen jeweils ihre eigene Candelora. Während der Festa di Sant'Agata ziehen die verschiedenen Candelore durch Catania und erweisen der Heiligen ihre Ehre. Dabei haben die einzelnen Candelore teilweise einen Bezug zu den jeweiligen Berufsgruppen. Es gibt beispielsweise Candelore der Fleischer, Bäcker, Obsthändler, Fischer, Blumenhändler und anderer Berufsgruppen. Und ja, das würde ich zu gerne mal live sehen. Februar in Catania? Warum nicht…
Es gäbe im direkten Umfeld dieser Kirchen noch einiges zu sehen; weitere Kirchen, wie z. B. die Chiesa San Giuliano, die ein weiteres Highlight sein soll, deren Türen aber leider verschlossen waren, oder z. B. auch die römischen Terme della Rotonda mit einem unter byzantinischer Herrschaft zur Kirche umgebautem Kuppelraum. Aber für uns war es das jetzt erst mal. Vor uns liegen noch fast drei Wochen Sizilienurlaub und damit unzählige weitere barocke Bauten.
Also Catania, wie ist das jetzt mit dir und mir? Bist du mir zu langweilig? Nein. Gut, du magst nicht so spektakulär, ungezähmt, überraschend wie das rund 200 Kilometer entfernte Palermo sein. Zugegeben. Du hast auch nicht DIE großen kulturellen Sehenswürdigkeiten im Gepäck. Aber gerade das macht dich vielleicht auf eine so angenehme Art entspannt. Du musst nichts beweisen, du darfst einfach Stadt sein, wo gelebt wird. Und damit hast du mich dann auch überzeugt, mit deiner Authentizität. Und ja, ich mag deine Lebendigkeit, deine unzähligen barocken Bauten, deine Mischung aus Schönheit und Patina, deine vom Lavastein geprägten schwarz-glänzenden Straßen, deine von lila blühenden Jacaranda-Bäumen gesäumten Straßenzügen, deine mitreißende nächtliche Stimmung auf den Plätzen und in den Straßen. Du bist vielleicht nicht die Stadt, die sich auf den ersten Blick in den Vordergrund drängt – aber eine, bei der man am Ende doch gerne ein bisschen länger bleiben möchte. Wir zwei, das könnte glatt noch was werden.
Und dann überrascht uns Catania noch einmal: Auf der Piazza Duomo tanzen nachts im Licht der Straßenlampen, rund um den Elefanten-Brunnen, zahlreiche Paare zu Tangomusik. Jung, alt, bunt gemischt, manche bewegen sich geradezu perfekt zu den Melodien, andere versuchen noch ihren Rhythmus zu finden. Aber was für eine schöne, einzigartige Stimmung. Ach Catania, jetzt hast du mein Herz endgültig erobert…
Wer den Einstieg in den dreiteiligen Catania-Beitrag verpasst hat: Hier geht es zu Teil 1, hier zu Teil 2 der Catania-Reportage.
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